Landwirte sollen das Kastrieren mit Betäubung lernen, aber ist das die Lösung?
Wenn der Bauer zum Skalpell greift

Münster (WB). Landwirte sind gegen das Kastrieren von Ferkeln, Tierärzte auch. Warum also werden alleine in Nordrhein-Westfalen jedes Jahr noch etwa einer Million Jungtiere die Hoden abgeschnitten?

Mittwoch, 05.06.2019, 06:00 Uhr
Ferkel dürfen in der ersten Lebenswoche ohne Betäubung kastriert werden. Damit ist am 1. Januar 2021 Schluss. Foto: Carmen Jaspersen/dpa

In Berlin berät heute der Agrar­ausschuss des Bundestags, ob Bauern in die Domäne der Tierärzte eindringen dürfen. Es geht um die sogenannte Ferkelbetäubungssachkundeverordnung. Sie soll Landwirten erlauben, Tieren eine schmerzstillende Spritze zu geben, sie dann mit dem Gas Isofluran in Vollnarkose zu legen und ihnen schließlich mit einem Skalpell die Hoden abzuschneiden. Letzteres tun Züchter jetzt auch schon – allerdings ohne Betäubung, und das soll sich ändern.

Warum wird kastriert?

Der Großteil der Lebensmittelhändler verlangt Fleisch von ka­strierten Ebern. Denn das Fleisch einiger unkastrierter Eber (Experten sprechen von zwei bis vier Prozent der Tiere) entwickelt unter anderem durch Sexualhormone einen Fäkalgeruch, sobald es gebraten wird. In Schlachthöfen, die auch unkastrierte Eber annehmen, werden geruchsbelastete Tiere aussortiert.

Um sie zu identifizieren, wird die Schwarte mit einem Bunsenbrenner erhitzt, und Prüfer mit sensiblen Nasen schnuppern daran. Bauern bekommen für unkastrierte Eber generell weniger Geld, denn um den Geruch möglichst zu vermeiden, werden die Tiere schon vor der Pubertät geschlachtet und haben dann noch nicht das übliche Schlachtgewicht – der Arbeitsaufwand des Schlachthofs bleibt aber der gleiche.

Wie wird kastriert?

Ferkel dürfen in der ersten Lebenswoche ohne Betäubung ka­striert werden. Manche Bauern schneiden die Hoden ab, andere reißen sie ab – weil dann die Blutung schneller stoppen soll. 2013 wurde das Tierschutzgesetz geändert. Es schrieb vor, dass vom 1. Januar 2019 an nur noch mit Betäubung kastriert werden darf. CDU, CSU, SPD und AfD verlängerten dann aber die Frist um zwei Jahre bis zum 1. Januar 2021.

Was will die Regierung?

Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) sieht drei Wege: Sie will Züchtern nach entsprechender Ausbildung und Prüfung das Kastrieren unter Betäubung erlauben, wobei das Abreißen ausdrücklich verboten wird. Klöckner befürwortet eine stärkere Vermarktung von Fleisch unkastrierter Tiere, und sie sieht auch im Impfen der Tiere gegen Ebergeruch eine Möglichkeit, aufs Ka­strieren zu verzichten.

Bauern gegen Kastration

»Wir wollen Ferkel überhaupt nicht mehr kastrieren«, sagt Bernhard Schlindwein, Vizehauptgeschäftsführer des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbands in Münster. »Die Ferkelerzeuger stehen als Buhmänner da, weil sie die Tiere kastrieren. Dabei werden sie vom Lebensmittelhandel dazu gezwungen.«

Deshalb müssten sich Landwirte jetzt zwangsläufig im Narkotisieren ausbilden lassen. »Das geht gar nicht anders. Für Millionen Ferkel gibt es gar nicht genügend Tierärzte.« Manche Züchter sähen allerdings ihre Gesundheit in Gefahr: »Der statistische Durchschnittszüchter in NRW müsste im Jahr 2700 Narkosen durchführen. Wenn die Narkosemasken bei den Ferkeln nicht richtig sitzen, drohen Züchtern auf Dauer Leberschäden.«

Der Landwirtschaftsverband halte deshalb das Impfen von Ebern mit Improvac für die beste Lösung. »Doch der Handel will solche Tiere oftmals wegen diffuser Ängste nicht haben.«

Improvac

2009 hat die EU das Kastrationsmittel Improvac des Herstellers Zoetis zugelassen. Die Tiere werden im Abstand mehrerer Wochen zweimal gespritzt. Die Impfe stimuliert das Immunsystem des Schweins und produziert Antikörper gegen ein Hormon, das die sexuelle Entwicklung steuert. Das Mittel enthält keine Hormone.

Laut EU bleiben auch keine Rückstände im Fleisch, ein Tier könne theoretisch sogar am Tag der Impfung verarbeitet werden, schreibt die Europäische Medizinagentur. Zoetis bietet Bauern an, die Tiere von Impfteams versorgen zu lassen – für etwa vier Euro pro Eber. Das Impfen mit Improvac verlagert die Kastrationskosten vom Ferkelerzeuger zum Mäster.

Das sagen Tierärzte

»Die Impfung mit Improvac ist eine unblutige und wirksame Methode«, sagt der Tierarzt Dr. Edmund Bölling aus Münster, Landesvorsitzender des Bundesverbandes praktizierender Tierärzte (BPT). »Deshalb gibt es keinen zwingenden Grund mehr für eine Operation.« Tierärzte seien gegen die chirurgische Kastration.

Unabhängig davon lehnen sie eine Kastration unter Narkose durch Landwirte ab: »Voruntersuchung, Dosierung, Kontrolle und der Umgang mit Narkosezwischenfälle gehören zwingend in die Hände von Tierärzten.« Die Sorge von Landwirten, auf Dauer durch unbeabsichtigtes Einatmen des Isoflurans zu erkranken, kann Bölling nachvollziehen: »Ich lasse immer ein Fenster öffnen, wenn ich das Gas benutze.«

Tönnies nimmt Eber

Dr. André Vielstädte, Sprecher des Schlachtunternehmens Tönnies in Rheda-Wiedenbrück: »Die Landwirte, die uns beliefern, sind frei in der Entscheidung, ob und wie sie ihre Ferkel kastrieren. Wir haben schon vor gut fünf Jahren begonnen, unkastrierte Eber zu nehmen.« Aktuell würden pro Woche 50.000 Eber verarbeitet. »Damit sind wir in Deutschland Marktführer.«

Geruchsauffällige Schlachtkörper würden zusammen mit anderem Fleisch zu Fertigwaren verarbeitet, die den Geruch dann nicht mehr hätten. Unabhängig davon gebe es aber Länder und Handelsunternehmen, die überhaupt kein Fleisch unka­strierter Eber abnähmen. »Weil wir breit aufgestellt sind, haben wir aber die Märkte dafür und können Landwirten die Sicherheit geben, dass sie ihre unkastrierten Tiere loswerden.«

Vereinzelt sei der Handel auch noch skeptisch hinsichtlich der Tiere, die mit der Improvac-Impfe kastriert worden seien. »Das ändert sich aber.« Dass Improvac wirklich die beste Methode sei, könne man aber nicht sagen: »Auch unter den Improvac-Ebern finden wir drei bis vier Prozent, die den Ebergeruch aufweisen.« Allerdings könnten mit Improvac geimpfte Tiere später geschlachtet werden, so dass sie wie andere Eber abgerechnet würden.

Handel bewegt sich

Edeka Südwest mit Sitz in Offenburg verkauft dort unter seiner Marke »Gutfleisch« seit Juli 2018 kein Fleisch von betäubungslos kastrierten Schweinen mehr – und vermarktet auch Fleisch unkastrierter Eber. Sprecher Florian Heitzmann: »Wir wollen das Tierwohl in der gesamten Produktionskette verbessern.«

Tierschützer gegen Narkose

»Die Gasnarkose durch Landwirte darf keine Dauerlösung für die Branche werden«, sagt Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes in Bonn. »Langfristig muss auf jede Amputation verzichtet werden. Durch das Vorantreiben der Narkosemethode ist derzeit aber zu befürchten, dass die anderen Methoden – Impfung und Kastrationsverzicht – aus den Augen verloren werden. Dabei sind sie aus Tierschutzsicht klar zu bevorzugen.«

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