Patienten fallen alle Zähne aus Pharmahersteller muss umfassend Auskunft geben

Osnabrück (WB). Einem Niedersachsen sind alle Zähne ausgefallen, auch seine Finger- und Fußnägel hat er verloren.

»Er macht dafür ein Medikament verantwortlich«, sagte Dr. Michael Henjes, der Sprecher des Oberlandesgerichts Oldenburg. Das Gericht verurteilte am Donnerstag den Hersteller der Arznei, dem Patienten Auskünfte über das vielverkaufte Präparat zu geben, und bestätigte damit ein Urteil des Landgerichts Osnabrück.
Ein Arzt hatte dem Kranken ein Präparat mit dem Wirkstoff Allopurinol verschrieben. Der wird häufig bei Gicht zur Reduzierung der Harnsäure im Blut verordnet. In der Packungsbeilage heißt es unter anderem, dass als Überempfindlichkeitsreaktion Abschälungen der Haut auftreten können.
Der Kranke hat angegeben, er habe am elften Tag der Einnahme Grippesymptome gespürt und das Mittel abgesetzt. Sein Zustand habe sich aber verschlimmert. Es habe sich am gesamten Körper Ausschlag gebildet, die Augen seien entzündet und blutunterlaufen gewesen. Nachdem sich mehr als 30 Prozent seiner Haut abgelöst hätten, sei er auf die Intensivstation gekommen. Dort seien ihm alle Finger- und Fußnägel sowie sämtliche Zähne ausgefallen. Ärzte hätten eine »Toxisch epidermale Nekrolyse« diagnostiziert – eine schwere Arzneimittelreaktionen der Haut, die sehr selten auftritt, aber häufig tödlich ist.
Gerichtssprecher Dr. Michael Henjes: »Der Patient plant einen Schadensersatzprozess gegen den Pharmahersteller und möchte wissen, ob derart schwere Komplikationen auch schon bei anderen Patienten vorgekommen sind.« Das Unternehmen lehnt die Auskunft ab und argumentiert, der Mann habe möglicherweise die Medizin nur falsch eingenommen.
Ob die Symptome auf das Medikament zurückzuführen seien, habe das Gericht nicht klären müssen, sagte der Sprecher. »Allein der zeitliche Zusammenhang zwischen der Einnahme und den schweren Folgen lassen eine Verursachung durch das Medikament plausibel erscheinen. Deshalb hat der Kläger einen Auskunftsanspruch.« Dieser werde Patienten in Paragraph 84a des Arzneimittelgesetzes garantiert.
Medikamente mit Allopurinol werden häufig verschrieben. Nach Angaben der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft werden in Deutschland pro Jahr 330 Millionen Tagesdosen eingenommen. In der Datenbank des deutschen Spontanmeldesystems waren im Jahr 2009 insgesamt 903 Verdachtsberichte unerwünschter Wirkungen im Zusammenhang mit Allopurinol erfasst. 93 dieser Fälle endeten tödlich.
Die Autoren einer Studie zu schweren Arzneireaktionen der Haut sehen eine »Tendenz zur unkritischen Behandlung mit Allopurinol«. Die Zahl der Verschreibungen sei in zehn Jahren um 38 Prozent gestiegen.
 Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft warnt deshalb, Allopurinol sollte »nicht unkritisch bei leicht erhöhten Harnsäurewerten verschrieben werden«.
 

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