Der lange Weg der Bundestrojaner Katharina Nocun über den Willen der Piraten zur Veränderung des Parteiensystems +++ mit Video

Bielefeld (WB). Zum Redaktionsgespräch beim WESTFALEN-BLATT kommt die politische Geschäftsführerin der Piratenpartei allein, mit dem Rucksack auf den Schultern. Zum nächsten Termin wird sie wohl die Stadtbahn bringen. Katharina Nocun will anders sein als die Vertreter anderer Parteien. Vor allem aber will sie das Parteiensystem verändern.
Denn die Bundestagskandidatur der Piraten sei nur Mittel zum Zweck. »So gesehen sind wir eine Art Bundestrojaner, der den Bundestag in unserem Sinne hacken möchte.« Die im Mai in ihr Amt gewählte 26-Jährige aus Dissen am Teutoburger Wald misstraut so ziemlich allem, was zur Demokratie in der Bundesrepublik dazugehört: der Willensbildung in den Parteien, den Kompromissen in Koalitionsverträgen, dem Parlamentarischen Kontrollgremium und allen Wahlversprechen. Mit vielen Beispielen ausgestattet, beschreibt sie Anzeichen von Einflussnahme, mangelnder Konzentration und schlichter Überforderung der im politischen Betrieb handelnden Akteure – um gleichzeitig mitten hinein zu wollen in dieses befremdliche System: »Es ist einfach sehr schwer, außerhalb von Parlamenten parlamentarische Politik zu beeinflussen.«
Dabei wäre ihr persönlich doch zumindest die Bühne bereitet. Gast in wichtigen Talkshows von Lanz bis Illner war sie schon. Aber: »Ich bin nun mal keine Rampensau«, sagt Katharina Nocun. Sie arbeite lieber inhaltlich, etwa an einer noch vor der Bundestagswahl geplanten Verfassungsbeschwerde gegen eine Änderung des Telekommunikationsgesetzes. Oder sie wirbt für eine Rentenversicherung nach Schweizer Vorbild, in die alle ohne Beitragsbemessungsgrenze einzahlen und Vielverdiener trotzdem nur eine gedeckelte Rente herausbekommen würden.
»Das Konzept des Berufspolitikers entspricht nicht der Idee des Parlaments«, sagt Nocun. Doch für ihre Partei wäre es wohl gar nicht so schlecht, wenn die studierte Politikwissenschaftlerin diese Erkenntnis mal für eine Weile zurückstellte. Denn seit die gebürtige Polin mit den zwei Staatsangehörigkeiten zum Führungszirkel der Piraten gehört, ist es ruhiger geworden. Entweder gibt es weniger Querelen, oder sie geraten nicht mehr an die Öffentlichkeit. Ein großer Erfolg angesichts der öffentlichen Streitigkeiten nach den Erfolgen bei den Landtagswahlen in Berlin und im Saarland sowie einem medialen Hype, der die Piraten in Umfragen im Frühjahr 2012 in zweistellige Höhen hob. Bei der Debatte in der Redaktion lässt sich erahnen, was Nocuns Anteil an dieser Entwicklung sein könnte: Sie versucht Kritik sachlich entgegenzutreten, weicht kaum aus und geht selten zum Gegenangriff über. »Es ist offensichtlich, dass wir keine perfekte Partei sind – aber im Gegensatz zu anderen Parteien versuchen wir das auch nicht nach außen zu suggerieren.«
Die Landtagswahl in Niedersachsen im Januar 2013, bei der Nocun nicht in den Landtag einziehen konnte, war mit 2,1 Prozent auch für sie persönlich eine Enttäuschung. Heute erklärt sie den Misserfolg mit einer Wechselstimmung in der Wählerschaft, der die Abwahl von Schwarz-Gelb wichtiger gewesen sei als die Stärkung der Piraten. Weil bei der Bundestagswahl die Ablösung Angela Merkels nicht realistisch sei, sehe die Lage für die Piraten diesmal besser aus – und die Talsohle von zwei Prozent in den Umfragen sei auch bereits durchschritten.

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