Bessere Kontaktverfolgung
Apps sollen Corona-Zettelwirtschaft überflüssig machen

Viele Menschen sehnen sich danach, wieder ohne Risiko ins Restaurant zu gehen oder eine Veranstaltung zu besuchen. Die vom Sänger Smudo beworbene Luca-App ist eine von mehreren Lösungen dafür.

Dienstag, 02.03.2021, 15:14 Uhr aktualisiert: 02.03.2021, 15:24 Uhr
Die Icons der Corona-Warn-Apps Luca und der Bundesregierung. Foto: Kay Nietfeld

Berlin (dpa) - Wenn irgendwann die Cafés, Bars und Restaurants in Deutschland wieder öffnen können, dürfen sich die Betreiber nicht alleine um ihre Gäste kümmern: Sie müssen auch eine lästige Aufgabe für die Gesundheitsämter erfüllen.

Wie im vergangenen Sommer werden die Betriebe wohl auch diesmal verpflichtet, eine Liste ihrer Besucher zu führen und deren Kontaktdaten zu erfassen.

Das Kontaktverfolgungssystem hat in den vergangenen Monaten nur mäßig gut funktioniert. Oft saßen da «Donald Duck» oder «Micky Maus» am Gästetisch, zumindest hatten sie sich mit diesen Namen in die Gästeliste eingetragen. Viele Gastwirte haben diese falschen Daten hingenommen, denn sie waren für die Angaben der Gäste rechtlich nicht verantwortlich und durften auch nicht die Personalien kontrollieren. Dieses Recht haben nur das Ordnungsamt und die Polizei.

Mehrere Check-in-Apps versprechen nun eine viel effizientere Methode, Restaurant-Besucher vor dem Risiko einer Corona-Infektion zu warnen, falls ein anderer Gast positiv getestet wurde. Die bekannteste Lösung ist die Luca-App, die von Smudo, Musiker der Fantastischen Vier, mitentwickelt wurde. Die Betreiberfirma Culture4Live verspricht, eine schnelle und lückenlose Kontaktnachverfolgung zu ermöglichen.

Dafür müssen sich Smartphone-Besitzer im App-Store von Apple oder Google die Luca-App herunterladen und dort ihre persönlichen Kontaktdaten eintragen. Auch hier könnten sich die User als «Donald Duck» registrieren. Im Unterschied zur Gästeliste aus Papier wird aber die Mobilfunknummer mit einer SMS gecheckt, so dass die Gesundheitsämter immerhin wüssten, unter welcher Telefonnummer «Donald Duck» nach einem Risiko-Vorfall erreicht werden kann.

Die App-Macher wollen aber nicht nur Fake-Einträge vermeiden, sondern die sensiblen Gästedaten besser schützen als auf Papierlisten. «Ich habe ein Problem, wenn ich in ein Restaurant gehe und dort für alle sichtbar meine Privatadresse aufschreiben muss», sagte Smudo der Deutschen Presse-Agentur.

Smudo sieht keinen Gegensatz zwischen der offizielle Corona-Warn-App und der Luca-App. Die App des RKI sei geeignet, flüchtige Begegnungen zu erfassen, quasi ein individuelles Radarsystem. Die Luca-App dagegen könne bei privaten Treffen und im Restaurant oder auch bei Sportveranstaltungen, Konzerten und im öffentlichen Nahverkehr eingesetzt werden, um sich gezielt an einem Ort einzuchecken.

Sicherheitsexperte Rüdiger Trost von F-Secure sieht es als Vorteil, dass die Luca-App nicht vom Staat in Auftrag gegeben wurde: «Hätte eine staatliche Behörde die App entwickelt, die Name, Adresse und Handynummer abfragt, wären die Vorbehalte groß gewesen und niemand würde ihr trauen. Die App würde zerredet, und das Vertrauen sinken.» Smudos Konzept überzeugt den Sicherheitsexperten: «Mehrfache Verschlüsselung und explizite Freigabe der Daten durch den Nutzer zeigen, dass man sich über Sicherheit und Datenschutz schon in der Designphase Gedanken gemacht hat.»

Die Luca-App sei deutlich besser als die Kontaktlisten auf Papier, denn der Betreiber könne bei der App nicht auf die Daten zugreifen, nur das Gesundheitsamt. Trost sieht aber auch einen Nachteil: «Dass nicht alle Gesundheitsämter angeschlossen sind, und weite Teile Deutschlands damit zunächst noch außen vor sind, ist zu bemängeln.» Bislang probieren nur wenige Gesundheitsämter die Kooperation aus, etwa auf Sylt, Amrum und Föhr oder in Schwerin und Rostock. Deshalb nutzt Smudo jede Chance, im TV und auf anderen Wegen für die Anbindung weiterer Gesundheitsämter zu werben.

Die Luca-App stößt aber nicht nur auf Begeisterung. Gegenwind kommt von anderen Start-ups, die über kein so prominentes Aushängeschild wie Smudo verfügen. «Wir sehen die große Gefahr, dass der Wettbewerb durch die Luca-App unterminiert wird», erklärten unter anderen die Anbieter Darfichrein.de, Railslove, CoronaAssist:Presence, Kontakterfassung.de und Hygieneranger.

Railslove-Geschäftsführer Jan Kus verweist darauf, seine Lösung Recover sei bereits seit Mai 2020 bei Gastronomen, im Einzelhandel, bei Konferenzen, Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen im aktiven Einsatz. In seiner Heimatstadt habe auch Fortuna Köln seit September mit Recover die Gäste auf den Sitzplätzen datenschutzkonform erfasst.

Bei Recover muss auf dem Smartphone keine App installiert werden. Ähnlich wie bei Luca wird mit der Kamera ein QR-Code erfasst und eine Webseite von Recover aufgerufen. Dort werden die Kontaktdaten eingetragen und der Veranstaltung zugeordnet. Mit einem weiteren Fingertipp kann man sich wieder auschecken.

Kus regt an, dass sich die 16 Start-ups - darunter auch die Macher der Luca-App - möglichst schnell an einen Runden Tisch setzen, um die unterschiedlichen Ansätze zu Risikoermittlung zu konsolidieren, damit dann alle an einem Strang ziehen. «Wir haben eine diverse Start-up-Landschaft in Deutschland, die gemeinsam starkes bewegen kann», schrieb der Unternehmer an seinen Ministerpräsidenten Achim Laschet (CDU), der sich zuvor als Fan der Luca-App geoutet hatte.

Achim Berg, Präsident des Digitalverbandes Bitkom, kritisiert, dass bei einem Einsatz von Apps wie Luca, Recover oder eGuest vielerorts noch große Verunsicherung vorherrsche, weil einige Verbraucher- oder Datenschützer empfehlen, auf Papierlisten zu setzen. «Dabei haben Apps zur Kontaktnachverfolgung den großen Vorteil, dass persönliche Daten wie Telefonnummer oder Adresse nicht von jedermann eingesehen werden können, die Lesbarkeit sichergestellt ist und vor allem, dass die Gesundheitsämter direkt digital informiert werden, wenn es Infektionen an einem bestimmten Ort gab.» In Kombination mit der Corona-Warn-App könnten solche Kontaktnachverfolgungs-Apps eine große Unterstützung bei einer Öffnungsstrategie aus dem Lockdown sein.

© dpa-infocom, dpa:210302-99-656936/2

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