Westfälisches Landesmuseum zeigt die „Kunst der großen Gefühle“
Ekstase, Trauer, Liebe und Hass

Münster (WB). Jean Boinard (1633-1711) war nicht nur Porträtmaler, sondern auch ein kluger Erfinder. So kam der Franzose auf die Idee, ein doppelgesichtiges Porträt zu schaffen. Mittels einer Mechanik auf der Bildrückseite konnte er auf einem Bild zwei Philosophen-Gesichter darstellen. Einmal den lächelnden Demokrit und einmal den mürrisch-dunkel blickenden Heraklit. Das Bild, dessen subtile Mechanik leider im Laufe der Zeit demoliert wurde, ist ein Beispiel für die Lust der Künstler, in ihren Werken die Mimik des Menschen als Ausdruck ihrer Gefühle auszuloten. Im Westfälischen Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte in Münster führt die neue Ausstellungsreise unter dem Titel „Passion Leidenschaft“ noch deutlich tiefer.

Samstag, 10.10.2020, 02:00 Uhr
Ekstatisches Treiben auf der Blumenwiese: Lovis Corinth (1858-1925) schuf dieses „Bacchanal“ 1896 in Öl auf Leinwand. Das Bild ist eine Leihgabe des Landesmuseums in Hannover für die Ausstellung „Kunst der großen Gefühle“ im Westfälischen Landesmuseum Münster.

200 Ausstellungsstücke

Es geht um viel mehr: Lust, Begehren, Leidenschaft, Schmerz, Trauer, all das wird in 200 Ausstellungsstücken mit einer zeitlichen Bandbreite von gut und gerne 2000 Jahren verhandelt. „Tiefe Gefühle sind zeitlos“, spricht Landesdirektor Matthias Löb die Universalität menschlicher Emotionen an. Er verweist auf eine Kopie der antiken Laokoon-Gruppe, die schon der Weimarer-Klassik-Theoretiker Johann Joachim Winckelmann mit den Worten „Edle Einfalt und stille Größe“ als Vorbild zeitloser antiker Kunst rühmte. Wie auf einem Präsentierteller hat Kuratorin Dr. Petra Marx die wesentlichen Gefühle und Affekte im ersten Raum der Ausstellung zusammengefasst. Das Silberrelief einer Passionsdarstellung von Galeazzo Mondella (1467-1528) nimmt den antiken Laokoon in seinem Schmerzenskampf auf.

Große Bandbreite an Emotionen

Alle menschlichen Affekte kommen im Einstiegsraum zum Tragen: der Schmerz, sichtbar in Käthe Kollwitz’ „Frau mit totem Kind“ (1903), die Mutterliebe in einem Madonnenbild, auf dem Maria das Jesuskind liebkost und ihm ein paar rote Kirschen zeigt (Werkstatt des Quentin Massys, um 1520/25), dann wiederum das erotische Begehren wie in Camille Claudels Skulptur „La Valse“ (1891/1905). Am abgrundtiefen Ende der Emotionsskala sehen wir einen Stahlhelmkopf, den der von den Nationalsozialisten gerühmte Herbert Schnürpel nach 1918 schuf. Der Titel „Heiliger Hass“ nimmt in den stechenden Augen des Kriegers Gestalt an. Es würde schon reichen, sich für einen ersten Besuch auf diese Bandbreite der Emotionen einzulassen, aber da kommt noch mehr.

Im zweiten Kapitel geht es zu den Wurzeln der Kunst, in die Antike, und dann im Galopp durch die Jahrhunderte. Antike Komödienmasken im Trauergestus sind ebenso zu finden wie ekstatische Figuren auf griechischen Vasen. Als Beispiel ständiger Beschäftigung der Kunst mit den Emotionen finden sich hier auch das erwähnte Doppelporträt von Jean Boinard, aber auch Studien des Evolutionsforschers Charles Darwin über den „Ausdruck der Gemüthsbewegungen“. Mit Fotos eines jungen Mädchens und eines alten Mannes wollte er belegen, dass Emotionen, hier in Bezug auf Lachen und Freude, bei Menschen unterschiedlichen Alters und Geschlechts universal seien.

„Eros, Liebe und Lustmord“

Aufs Höchste gesteigerte Emotion findet sich in Kapitel drei, das die gefährliche Balance von „Eros, Liebe und Lustmord“ anspricht. Noch ganz sittsam: Heinrich Aldegrevers „Lautenspieler und Geliebte“ (1537). Erschreckend schließlich die Radierung „Lustmord“ von Otto Dix (1922). Ein erschöpfendes Kapitel für sich sind die Gefühlswelten in der Bildkultur des westlichen Christentums. Vom gerade im Spätmittelalter immer wieder dargestellten Passionsgeschehen geht es über Märtyrer-Szenen bis hin zu den blutigen Aktions-Spektakeln des Österreichers Hermann Nitsch.

In der Zeit von Corona-Angst und Hassrede ist der Weg zum fünften Kapitel nicht weit. Längst hat sich die Politik großer Emotionen bemächtigt. Wahlplakate mit bedrohlichen Motiven, Hitler dämonisch auf Schwarzweiß-Bildern, auch Agitator Donald Trump taucht auf. Bleibt zum Schluss ein Blick auf die Gefühlswelten der Künstler mit Selbstporträts von Rembrandt bis Conrad Felixmüller. Und vor Bildschirm und Kamera darf der Gast noch in seine eigene Gesichtslandschaft gucken.

Zur Ausstellung

„Passion Leidenschaft. Die Kunst der großen Gefühle“ ist im LWL-Landesmuseum in Münster bis zum 14. Februar 2021 zu sehen. Eintrittspreis 13 bzw. 6,50 Euro (ermäßigt). Mehr Infos: lwl-museum-kunst-kultur.de

 

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