Neuer Kunst-Star
Mit Julius von Bismarck ins Feuer sehen

Der Berliner Künstler Julius von Bismarck war in Kalifornien mit Spezialtrupps in brennenden Wäldern unterwegs. Das Ergebnis ist eine Ausstellung in der Bundeskunsthalle - mit geradezu hypnotischer Wirkung.

Donnerstag, 03.09.2020, 10:07 Uhr aktualisiert: 03.09.2020, 10:12 Uhr
Julius von Bismarck. Foto: Oliver Berg

Bonn (dpa) - Im Gesicht von Julius von Bismarck scheint sein Urururgroßonkel auf: Reichskanzler Otto von Bismarck. Oder bildet man sich das nur ein? Jedenfalls ist Julius von Bismarck eine Erscheinung, die sofort die Fantasie in Gang setzt.

Mit seinem bis über die Brust reichenden Rauschebart erinnert er wahlweise an den Waldgeist Rübezahl, Wickie-Papa Halvar oder Leonardo da Vinci. Kein schlechter Ausgangspunkt für einen Künstler. Jetzt hat der Wahlberliner im Alter von nur 36 Jahren eine eigene Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn.

Hat es ihm genützt, dass er mit jemandem verwandt ist, nach dem in jeder Stadt mindestens eine Straße benannt ist? Er ist sich da nicht sicher. Immer wieder komme es vor, dass ihm die politischen Einstellungen des alten Otto unterstellt würden. «Es gibt wirklich Leute, die denken, ich wäre konservativ und würde mir das Kaiserreich zurückwünschen. Es ist einfach absurd, dass ich da mit ihm in einen Topf geworfen werde.»

Bismarck beschäftigt sich als Künstler mit der Natur, insbesondere mit Naturkatastrophen. Erdbeben und Wirbelstürme interessieren ihn, weil die Natur dort als Akteur auftritt und der Mensch nur reagieren kann. Für die von Freitag (4. September) bis 24. Januar laufende Ausstellung «Feuer mit Feuer» hat er Waldbrände in Schweden und Kalifornien gefilmt.

In dem US-Bundesstaat war er mit Spezialeinheiten unterwegs, die mit Hubschraubern in den Waldbrandgebieten abgesetzt werden, sich dann Schneisen bahnen und die Löschflugzeuge über Funk dirigieren. «Mit denen hab ich mich richtig angefreundet», erzählt er. «Die Männer hatten auch Bärte - das waren so'n bisschen Alternative, Naturfreunde, die vielleicht in ihrer Kleinstadt daheim Außenseiter gewesen waren.»

Mit einer Zeitlupenkamera hat Bismarck die Brände gefilmt. Für die Ausstellung produzierte er ein 67 Minuten langes Video, das auf einer großen LED-Wand gezeigt wird. Der einzige Eingriff von Bismarck besteht darin, dass er den Film gespiegelt hat.

Die packenden Brandbilder bekommen in Kombination mit diesem Dopplungseffekt eine geradezu hypnotische Wirkung: Der Betrachter glaubt in der Schnittstelle im Zentrum des Bildschirms in einem fort Feuerdämonen, Tiergestalten mit Hörnern und alle möglichen anderen Gesichter zu erkennen. «Das geht darauf zurück, dass Menschen und Tiere meistens symmetrisch aufgebaut sind und wir deshalb Symmetrie für etwas Lebendes halten», erläutert Bismarck.

Vor dem Bildschirm hat Bismarck eine Allee des ewigen Feuers aufgebaut. Sie besteht aus Keramiken mit scheinbar brennenden Feuern, die jedoch Hologramme sind. Man sollte der Versuchung widerstehen, in die Flammen zu fassen: Das tut ziemlich weh, da der Effekt durch schnell drehende Rotoren entsteht.

Fast jeder weiß, wie sehr man sich beim Betrachten eines Kaminfeuers oder sogar nur einer brennenden Kerze verlieren kann. Die Wirkung, die vom Anblick eines brennenden Baums oder Waldes ausgehe, ist noch viel stärker - das weiß jeder, der schon einmal Zeuge eines solchen Naturschauspiels gewesen ist. Für Bismarck besitzt auch eine verbrannte Landschaft eine große Ästhetik, «vergleichbar mit einer frisch gefallenen Schneedecke, durch die alles perfekt sauber aussieht».

Bismarcks übergeordnetes Thema ist die Erfindung eines neuen, zeitgemäßen Naturbilds. «Vor zehn Jahren hat man die Natur anders gesehen als jetzt, in zehn Jahren wird man sie noch ganz anders sehen. Ich versuche, das mit meinen Arbeiten zu untersuchen.» Visuelle Grundlagenforschung sozusagen. Notfalls im Feuersturm.

© dpa-infocom, dpa:200903-99-413395/2

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