Coronavirus
«Wuhan Diary»: Tagebuch aus einer abgeriegelten Stadt

In Wuhan trat das Coronavirus zuerst auf. Behörden vertuschten den Ausbruch zunächst. Was die Romanautorin Fang Fang in der abgesperrten Millionenmetropole aufzeichnet, wird zum brisanten Zeitdokument.

Dienstag, 09.06.2020, 12:47 Uhr aktualisiert: 09.06.2020, 12:50 Uhr
Schlangestehen für einen Corona-Test in Wuhan (Mitte Mai). Foto: Tpg

Peking (dpa) - Auf dem Höhepunkt der Verbreitung des Coronavirus in Wuhan haben zig-Millionen Fang Fangs Tagebuch aus der abgeschotteten Metropole im Internet gelesen. Chinas Zensur sperrte die Beiträge der preisgekrönten Schriftstellerin zwar immer wieder, doch fanden ihre Zeilen trotzdem zu ihren Lesern.

Heute liefert ihr Buch «Wuhan Diary», das als Zusammenstellung auf Deutsch erschienen ist, ein einzigartiges Fenster in das Leiden, Sterben, aber auch die Mitmenschlichkeit in der Stadt, die zuerst und in China am schwersten von dem Ausbruch der Lungenkrankheit Covid-19 betroffen war.

Es ist eine ebenso persönliche wie explosive Dokumentation der Vertuschung, Verschleppung und Nachlässigkeit offizieller Stellen - aber auch der Hilfsbereitschaft der einfachen Menschen in der Katastrophe, die sich seither weltweit ausgebreitet hat. «Wir müssen die Verantwortlichen ausfindig machen und zur Rechenschaft ziehen», schreibt Fang Fan in der Einleitung, womit gleich klar wird, warum sie in chinesischen Staatsmedien heute so attackiert wird.

Ende Januar wurde die Elf-Millionen-Metropole, wo das Virus Anfang Dezember zuerst entdeckt wurde, für 76 Tage von der Außenwelt abgeschottet - ein weltweit zumindest bis dahin einmaliger Schritt im Kampf gegen das Virus. Es habe ihre Vorstellungskraft überstiegen, «wie man eine derart riesige Stadt abriegeln könnte», schreibt Fang Fang. Genau in jenen Tagen beginnt ihr Tagebuch, das unversehens den Gefühlen und der Verzweiflung vieler Chinesen eine Stimme gab.

«Mit der Anstrengung, mir selbst freien Atem zu verschaffen, helfe ich anderen beim Atmen», stellte Fang Fang anhand des breiten Echos auf ihre Aufzeichnungen fest. So hatte ihr ein Leser geschrieben, das Tagebuch sei «ein Ablassventil für unsere Niedergeschlagenheit». Exzellent vom China-Experten Michael Kahn-Ackermann, dem Gründer des ersten Goethe-Instituts in China, übersetzt, bietet es deutschen Lesern eine sehr persönliche Einsicht in das Leben der Chinesen.

Ihre Schilderungen sind authentisch, gepaart mit «ein paar Gedanken und Stimmungen», wie die Romanautorin bescheiden meint. Es sind eher tiefe Reflexionen: «In extremen Zeiten treten die guten und bösen Seiten des menschlichen Wesens unverhüllt hervor», schreibt sie. «Du erlebst dabei Dinge, die du dir nie hast vorstellen können. Du bist konsterniert, du klagst, du bist zornig, am Ende gewöhnst du dich daran.»

Die «waschechte» Wuhanerin, zuletzt Vorsitzende des Schriftstellerverbandes der Provinz Hubei und 2010 mit dem renommierten Lu Xun-Literaturpreis ausgezeichnet, verfügt über ein weit verzweigtes persönliches Netzwerk in der Stadt, in der sie seit sechs Jahrzehnten lebt. Ihre Quellen enthüllen die Lüge hinter den offiziellen Beteuerungen Anfang und noch Mitte Januar, es gebe «keine Übertragung von Mensch zu Mensch» und das Virus sei «kontrollierbar und eindämmbar». «Wie viele Menschen haben diese Worte auf einen Weg ohne Wiederkehr geschickt», stellt Fang Fang bitter fest.

«Als sich damals mehr und mehr Ärzte und Schwestern infizierten, war es jedermann klar, dass eine Übertragung von Mensch zu Mensch stattfindet, aber niemand hat den Mund aufgemacht, weil es untersagt war», berichtet ihr ein befreundeter Arzt und fügt noch hinzu: «Jedermann weiß Bescheid, aber keiner spricht es aus? Liegt nicht genau darin das Problem?»

Von den mehr als 3300 in China offiziell aufgeführten Toten waren mehr als 2500 in Wuhan zu beklagen. Die Dunkelziffer ist hoch. Warum das Virus in der Stadt so schwer zuschlagen konnte?: «1. die Zeitverschleppung zu Beginn, 2. ungeeignete Quarantänemaßnahmen, die sogar zu dramatischen Zunahme von Infektionen geführt haben, 3. die unzureichenden und rasch erschöpften Ressourcen der Krankenhäuser und die Erkrankungen des Krankenhauspersonals, die zu Verzögerungen bei der medizinischen Betreuung geführt haben», fasst Fang Fang zusammen.

All das änderte sich in dem Moment, als die Zentralregierung Ende Januar einschritt und die Kräfte des Landes mobilisierte. «Nach dem Wechsel im Kommando hat die Regierung mit eiserner Hand die Epidemie bekämpft, die Resultate sind durchaus beachtlich.» Obwohl Fang Fang hier durchaus Lob spendet, läuft eine Kampagne in den Staatsmedien, um ihre Glaubwürdigkeit zu zerstören. Nicht nur weil sie Schwächen des chinesischen Systems offenlegt, sondern weil die Frage nach der Verantwortung für die Pandemie mit heute weltweit mehr als 400.000 Toten und sieben Millionen Infizierten hoch politisch geworden ist.

Allen voran diskreditiert die englischsprachige «Global Times» die Autorin. Das Blatt wird vom Parteiorgan «Volkszeitung» herausgegeben und zielt auf ausländische Leser. «Ihr weltweiter Aufstieg, angefacht durch ausländische Medien, lässt für viele in China Alarmglocken klingen, dass die Schriftstellerin nur ein weiteres nützliches Werkzeug des Westens ist», heißt es darin. So sehen Nationalisten eine «Verräterin» chinesischer Interessen, während sie ihren treuen Lesern als «Gewissen von Wuhan» gilt. Dabei hätte Fang Fang selbst nie damit gerechnet, dass sie derart einen Nerv treffen und ihre Aufzeichnungen als Buch in verschiedene Sprachen übersetzt würden.

- Fang Fang: Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt, Aus dem Chinesischen von Michael Kahn-Ackermann, Hoffmann und Campe, 380 Seiten, 25,00 Eurro, ISBN 978-3-455-01039-8.

© dpa-infocom, dpa:200609-99-359501/4

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