Am 11. Mai 1720 kam an der Weser Freiherr von Münchhausen zur Welt So wahr ich lüge!

Bodenwerder (WB). Unweit der heutigen Grenze zu Ostwestfalen-Lippe kam am 11. Mai 1720, also am Montag vor 300 Jahren, in Bodenwerder an der Weser der Mensch zur Welt, der als „Lügenbaron“ in die Geschichte eingehen sollte: Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen. Der Mann, der sich nach eigenen Angaben selbst am Schopf aus dem Sumpf zog und auf einer Kanonenkugel flog, hat wirklich gelebt und ist keine literarische Erfindung. Andreas Schnadwinkel hat mit der Autorin Anna von Münchhausen, die anlässlich des 300. Geburtstags ein Buch über ihren berühmten Vorfahren geschrieben hat, gesprochen.

Wer kennt ihn nicht, den Lügenbaron, der auf einer Kanonenkugel flog? Vor 300 Jahren kam Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen in Bodenwerder (im heutigen Kreis Holzminden) zur Welt.
Wer kennt ihn nicht, den Lügenbaron, der auf einer Kanonenkugel flog? Vor 300 Jahren kam Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen in Bodenwerder (im heutigen Kreis Holzminden) zur Welt. Foto: dpa

Was fragen die Leute wegen Ihres Namens: Verwandt oder verschwägert?

Anna von Münchhausen: In erster Linie fragen sie, ob man mir glauben kann.

Das ist für eine Journalistin und Autorin nicht einfach, oder?

Münchhausen: Das ist nicht so lustig. Hin und wieder habe ich Reaktionen von Lesern erfahren, die wegen meines Namens an meiner Glaubwürdigkeit gezweifelt haben. Meiner eigenen Einschätzung nach habe ich immer so seriös gearbeitet, dass sich diese Frage nicht stellen sollte.

Worauf werden Sie noch angesprochen?

Münchhausen: Viele sind erstaunt, dass es den Baron von Münchhausen tatsächlich gegeben hat und er keine Erfindung ist. Der Münchhausen-Forscher Bernhard Wedel erklärt das damit, dass man wegen der unglaubwürdigen Geschichten auch die Existenz der Figur für unglaubwürdig hält.

Lässt sich Ihr Verwandtschaftsgrad ausrücken?

Münchhausen: Wir sind nicht direkt mit dem „Lügenbaron“ Hieronymus von Münchhausen verwandt, aber mit seinem Onkel Gerlach Adolph von Münchhausen, dem Gründer der Universität Göttingen. Darauf war mein Vater immer sehr stolz. Dann gab es noch Ernst-Friedemann von Münchhausen, der unter Friedrich dem Großen Justizminister war.

Wo überschneiden sich die Grenzen zwischen realer Figur und literarischer Figur?

Münchhausen: Hieronymus von Münchhausen hat keine einzige Zeile seiner abenteuerlichen Erzählungen selbst geschrieben. Der Urheber der Verschriftlichung ist bis heute unbekannt. Zum ersten Mal tauchten die Geschichten unter Pseudonym in dem Berliner Satiremagazin „Vademecum für lustige Leute“ auf, und zwar noch zu Lebzeiten Münchhausens. In London fiel dem deutschen Gelehrten Rudolf Erich Raspe das Magazin in die Hände, er übersetzte die Texte ins Englische. Und dieses englische Buch „Baron Munchhausen’s Narrative of his marvellous Travels and Campaigns in Russia“ übersetzte der Göttinger Professor Gottfried August Bürger dann zurück ins Deutsche. Sein Buch ist die gültige Fassung, die ein großer Erfolg geworden ist. Ich vermute mal, dass Hieronymus von Münchhausen das selbst nicht hinbekommen hätte.

Ist überliefert, wie er 1786 auf die Veröffentlichung seiner Geschichten reagierte?

Münchhausen: Er war entsetzt, als das Buch erschien. Weil er sofort erkannte, dass da jemand mit seinen Geschichten hausierte. Münchhausen hatte auf seinem Gut eine abendliche Punschrunde. Die Geschichten, die er dort verbreitete, zogen Kreise. Das wurde weitererzählt. Ich halte es für wenig wahrscheinlich, dass einer der Teilnehmer der Runde die Geschichten nach Berlin schickte. Die Freunde waren gegenüber Hieronymus loyal.

Solch eine Veröffentlichung wäre heutzutage wegen der Urheberrechtsverletzungen gar nicht möglich. Warum ging Münchhausen nicht dagegen vor und forderte keine Tantiemen?

Münchhausen: Heute wäre die Folge ein Plagiatsprozess. Ich vermute, dass Hieronymus einfach schon zu alt war, um das durchzustehen. Die Scheidung von seiner zweiten Frau kostete ihn viel Energie. Wahrscheinlich hätte er eher versucht, die Veröffentlichung der Abenteuer zu verhindern als daran zu verdienen.

Sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen: Warum hat diese Anekdote als Bild für Eigenverantwortung, Einsatz und Leistung überlebt?

Münchhausen: Darin steckt ein Gedanke der Aufklärung. Man erkennt das Kant’sche Motto „Habe den Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen“. Gottfried August Bürger interpretierte die Stelle als Erkenntnis, dass nur die Kraft der Gedanken einem Menschen dabei helfen kann, sich aus einer misslichen Lage zu befreien.

Hätte es die Geschichten ohne Münchhausens Zeit im zaristischen Russland gegeben?

Münchhausen: Münchhausen-Experten sagen, dass die Erlebnisse in Russland und die kriegerischen Auseinandersetzungen der Kern der Erzählungen waren. In jedem Fall war es die ungewöhnlichste und wahrscheinlich auch prägendste Phase in seiner Biografie. Kein Wunder, wenn man mit 17 in eine Kutsche nach St. Petersburg gesetzt wird, um dem Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel als Page zu dienen.

Wie finden Sie die Verfilmung mit Hans Albers von 1943?

Münchhausen: Das war ein Propagandafilm, weil er das deutsche Publikum von den Schrecken des Krieges ablenken sollte. Diesen Ruf wird der Film nicht los. Aber Erich Kästner nutzte als Drehbuchautor jedes Stück Freiheit, das man ihm gab. Der Film enthielt durchaus regimekritische Anspielungen.

Kann man Kinder mit Münchhausens Abenteuern heute noch begeistern?

Münchhausen: Aus dem Museum in Bodenwerder höre ich, dass Kinder sehr gut auf die Geschichten reagieren. Dort werden sie ihnen auf spannende Weise erzählt.

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