Ausgebremst
Wie geht es weiter auf dem Grünen Hügel?

Die Erkrankung von Katharina Wagner trifft die Bayreuther Festspiele in einer Zeit, in der endlich mehr als nur ein Hauch von Aufbruch wehte auf dem Grünen Hügel. Dass die Chefin pausieren muss, sorgt für eine nie dagewesene Situation.

Freitag, 01.05.2020, 11:55 Uhr aktualisiert: 01.05.2020, 11:57 Uhr
Die künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin der Bayreuther Festspiele, Katharina Wagner, ist längerfristig krank. Foto: Nicolas Armer

Bayreuth (dpa) - Es war die kulturelle Schocknachricht der Woche: Katharina Wagner, die Chefin der Bayreuther Festspiele, muss ihr Amt «bis auf Weiteres» aus gesundheitlichen Gründen ruhen lassen.

Nach der Absage der Festspiele wegen der Corona-Pandemie ist es die zweite große schlechte Nachricht aus Bayreuth in diesem Jahr.

Bis Richard Wagners Urenkelin hoffentlich bald wieder genesen zurückkehrt auf den Grünen Hügel, ist dort nun eine Situation entstanden, die es noch nie gab: Zum ersten Mal in der Geschichte des wohl größten deutschen Opernspektakels steht derzeit kein Wagner an seiner Spitze.

Bislang war die Leitung fest in Familienhand - angefangen mit dem Meister selbst. Richard Wagner (1813-1883) setzte sich schon zu Lebzeiten ein Denkmal mit Opernspielen ihm zu Ehren. Nach seinem Tod übernahm seine zweite Frau Cosima das Zepter. Nach ihrem Tod war dann der gemeinsame Sohn Siegfried an der Reihe und nach dessen Tod wiederum seine Frau Winifred. Als glühende Verehrerin Adolf Hitlers war sie maßgeblich dafür verantwortlich, dass ihre Söhne Wieland und Wolfgang nach dem Zweiten Weltkrieg viel Zeit und Energie aufbringen mussten, um den braunen Dunst, der den Grünen Hügel seither umgab, zu vertreiben.

Mit Wieland und Wolfgang begann 1951 - nach einer Pause von sieben Jahren - «Neu-Bayreuth». Wieland galt dabei als künstlerisches Mastermind, Wolfgang eher als Geschäftsmann. Eine Konstellation, die sich nach Wielands frühem Tod 1966 zu einer gepflegten Familienfehde zwischen den beiden Wagner-Stämmen hochschaukelte.

Wolfgang Wagner war fast 90 Jahre alt, als er die Macht 2008, nach 57 Jahren, an seine Wunschnachfolgerin, Tochter Katharina, und deren ältere Halbschwester Eva Wagner-Pasquier abgeben konnte. Das Schwestern-Duo setzte sich damals gegen ihre Cousine Nike Wagner durch, die Wortführerin des Wieland-Stammes.

Eine reine Erfolgsgeschichte wurde die Doppelspitze zwar nicht, doch in den vergangenen Jahren wurde es besser - viel viel besser. «Die Meistersinger von Nürnberg» in der Regie von Barrie Kosky wurden hochpolitisch. Yuval Sharons «Lohengrin» sah dank Neo Rauchs spektakulärem Bühnenbild wenigstens toll aus. Und dann kam 2019 der überwältigende neue «Tannhäuser» von Regisseur Tobias Kratzer, der endgültig zeigte, dass ein neuer, bunter, junger Wind weht. Kratzer ließ seine Protagonisten an einer geschlossenen Biogasanlage vorbeiheizen, dem Symbol für die verkorkste «Tannhäuser»-Inszenierung von 2011. Aufbruch als Programm.

Der neue «Ring des Nibelungen», der - so der Plan vor Corona - in diesem Jahr auf die Bühne kommen sollte, sollte da anknüpfen. Ein junges Team um den österreichischen Regisseur Valentin Schwarz wurde engagiert. Ein mit Spannung erwartetes Wagnis. Nach mehr als einem Jahrzehnt an der Spitze der Festspiele - so schien es - hatte Katharina Wagner sich endlich vom übermächtigen Schatten ihres Vaters befreit und war bereit, Bayreuth in eine moderne, jüngere Zukunft zu führen. Dass sie jetzt von einer Krankheit ausgebremst wird, ist nicht nur für sie selbst tragisch, sondern auch für die Institution der Festspiele.

«Es ist eine künstlerische Vollbremsung sondergleichen», sagte Regisseur Schwarz der dpa, nachdem bekannt wurde, dass sein «Ring» in diesem Jahr wegen der Corona-Pandemie nicht in Bayreuth Premiere feiern wird. «Man nimmt Fahrt auf, fährt über die Autobahn und wird dann plötzlich zum Stillstand gezwungen.» Ähnliches dürfte mit der Erkrankung von Wagner jetzt auch für die Festspiele insgesamt gelten.

Und die Situation wirft noch eine weitere Frage auf: Wie geht es weiter mit dem Einfluss der Familie Wagner, die einst uneingeschränkt herrschte auf dem Grünen Hügel? Das Festspielhaus ist schon seit Jahrzehnten nicht mehr im wagnerischen Besitz - seit es 1973 in die Richard-Wagner-Stiftung überging, in der die Familie heute vier von 24 Stimmen hat.

Ein Familienunternehmen sind die Festspiele schon lange nicht mehr. Seit 1986 sind sie eine GmbH - zuerst mit dem Alleingesellschafter Wolfgang Wagner, seit 2008 mit vier Gesellschaftern: der Bundesrepublik Deutschland, dem Freistaat Bayern, der Stadt Bayreuth und der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth. Katharina Wagner ist heute - gemeinsam mit Holger von Berg und nun auch Heinz-Dieter Sense - lediglich Geschäftsführerin und künstlerische Leiterin in Personalunion. Ihr Vertrag wurde im November 2019 bis 2025 verlängert.

Und danach? Nachdem jahrelang ungeschriebenes Gesetz war, dass ein Wagner an der Spitze stehen muss, ist das inzwischen keine Selbstverständlichkeit mehr - auch weil es so viele Wagners nicht mehr gibt, die Ansprüche auf die Hoheit über den Grünen Hügel stellen wollten.

Nach ihrer Niederlage im Kampf um die Festspielleitung 2008 hat Nike Wagner (wird im Juni 75), deren Intendanz des Bonner Beethovenfestes in diesem Jahr ausläuft, sich - von der ein oder anderen Spitze abgesehen - aus den Bayreuther Angelegenheiten ziemlich rausgehalten. Ebenso die Schauspielerin Daphne Wagner (73) oder Ex-Co-Leiterin Eva Wagner-Pasquier (gerade 75 geworden).

Am Zuge wäre dann wohl am ehesten die Ur-Urenkel-Generation, die kaum bekannt ist und aus der - zumindest öffentlich - bislang keine Ansprüche gestellt wurden. Zwingend ist es nicht, dass ein Wagner an der Spitze der Festspiele steht. Alles andere ist aber nur schwer vorstellbar.

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