Bücher-Talk «Literarisches Quartett»: Thea Dorns Neuanfang

Das «Literarische Quartett» stellt sich neu auf. Thea Dorn führt nun als Gastgeberin durch die ZDF-Sendung - und erklärt, warum für sie Albert Camus' «Die Pest» das Buch der Stunde ist.

Von dpa
Thea Dorn ist die neue Gastgeberin des Talk-Klassikers.
Thea Dorn ist die neue Gastgeberin des Talk-Klassikers. Foto: Maurizio Gambarini

Berlin (dpa) - Das «Literarische Quartett» hat eine neue Gastgeberin: Die Autorin Thea Dorn hat nach drei Jahren in der Kritikerrunde die Führung der ZDF-Sendung übernommen. In ihrer ersten Ausgabe macht sie einiges anders. Künftig spricht sie mit drei wechselnden Gästen über Bücher - und verzichtet auf ein Detail, aber dazu später mehr.

Zu Gast in ihrem ersten Literatursalon waren der Publizist Jakob Augstein, die Autorin Marion Brasch («Ab jetzt ist Ruhe») und die österreichische Schriftstellerin Vea Kaiser («Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam»). Die Ausgabe, die am Freitagabend ausgestrahlt werden sollte, wurde im Berliner Ensemble aufgezeichnet.

«Wie Sie sehen, sehen Sie mich», begrüßt Thea Dorn ihr Publikum. Die 49-Jährige hat selbst Romane oder «Tatort»-Krimis geschrieben. Seit 2017 gehört sie zur festen Runde des «Literarischen Quartetts». Die Sendung ist für viele eine Institution. Kritiker Marcel Reich-Ranicki (1920-2013) hatte das Format einst ins Leben gerufen.

Im Herbst wurde bekannt, dass der bisherige Gastgeber und «Spiegel»-Journalist Volker Weidermann die Sendung verlässt. Auch Christine Westermann - oft ein Garant für Bodenständigkeit in der Runde - verabschiedete sich. Übrig blieb Thea Dorn, die stets tough auftritt und nun die Rolle der Gastgeberin übernimmt. Die Buchtitel werden nun in der Regel von der Redaktion ausgewählt.

Auch eine weitere Neuerung gibt es: Die Abstimmung über die Bücher fällt weg. «Ein 2:2 klingt nach Unentschieden, also tendenziell nach Langeweile», hatte Dorn dem «Tagesspiegel» gesagt. «Die Botschaft sollte aber sein: Lieber Zuschauer, wir können uns über dieses Buch nicht einigen, deshalb ist die beste Lösung – lesen Sie selbst und bilden Sie sich eine eigene Meinung.»

Dorn zeigt sich gewohnt wortsicher und streitlustig - schon bei der Anmoderation ihrer Gäste. Augsteins frühere politische Kolumne sei ein «ziemlich zuverlässiges Mittel» gewesen, dass ihr Blutdruck in die Höhe gegangen sei - dann hätten sie sich vor zwei Jahren bei einer Buchpremiere kennengelernt und sie habe gedacht, dass sie sich mit ihm mal über Literatur unterhalten müsse.

Mitgebracht hat Dorn eine Sanduhr - 90 Sekunden bleiben jedem der vier Teilnehmer, um eines der ausgesuchten Bücher vorzustellen. In der Diskussion geht es dann um «neue Ost-Identität», um Romanfiguren mit rechter Gesinnung und die griechische Antike.

Im Roman «Vor Rehen wird gewarnt» von Vicki Baum (1888-1960) sieht Gastgeberin Dorn einen interessanten, merkwürdigen «Gegenschuss auf die MeToo-Debatte». Das neu aufgelegte Buch erzählt von einer Frau, die hinter dem Mann ihrer Schwester her ist. Dorn sagt, sie habe da kurz gedacht: Wer wisse, wie viele Rehe hinter Opernsänger Plácido Domingo her gewesen seien. Das sei nun eine gefährliche Aktualisierung, fügt Augstein an. Domingo hatte sich vor Kurzem bei Frauen entschuldigt, die ihm Übergriffe vorgeworfen hatten.

Vom neuen Quartett darf man kontroverse Impulse erwarten. Für treue Fans dürfte es ungewohnt werden, nicht mehr die bekannten Charaktere anzutreffen. Gegen Ende ihrer Sendung gibt Dorn jedenfalls noch einen Tipp. Sie habe in den letzten Tagen vor dem Bücherregal gestanden und sich gefragt, was man in diesen eigenwilligen Zeiten der Angst lesen könne, um sein «literarisches Immunsystem» ein wenig zu stärken.

«Die Pest» von Albert Camus sei für sie «das Buch der Stunde» - weil es ein «Anti-Hysterikum» sei und erzähle, dass weder Fatalismus noch Panik eine Haltung seien, die man in Zeiten einer Epidemie einnehmen solle, sondern Besonnenheit, Rücksichtnahme, Solidarität. «Und dass sich möglicherweise Menschsein auch gerade darin erweist, dass man in schwierigeren Zeiten nicht durchdreht.»

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