Maastricht
Kunstmesse Tefaf: Van Gogh, Degas, Corona

Trotz Corona: Die Kunstmesse Tefaf in Maastricht findet statt. Schließlich reist die Klientel eher nicht mit dem überfüllten öffentlichen Nahverkehr an. «In Deutschland sind sie ein bisschen hysterisch.»

Donnerstag, 05.03.2020, 12:11 Uhr aktualisiert: 05.03.2020, 16:42 Uhr
Warten auf die Besucher: Messechef Nanne Dekking. Foto: Oliver Berg

Maastricht (dpa) - Die Leipziger Buchmesse findet nicht statt, die Internationale Handwerksmesse in München wurde abgesagt, und auch die Reisemesse ITB Berlin wollte lieber kein Risiko eingehen. Aber die Tefaf, die wichtigste Messe für alte Kunst mit Besuchern aus aller Welt, die soll am Samstag (7. März) regulär öffnen.

Und das, obwohl es vom Messezentrum der südniederländischen Stadt Maastricht bis zum besonders stark betroffenen Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen gerade einmal 40 Kilometer sind.

Die viel bewunderten Blumenarrangements der Messe sind aufgebaut, die aufwendigen Dekorationen der Kunsthändler stehen. Eine Frau fährt auf einem Hollandrad durch die Gänge. Spring is in the air.

Auch die Bilder hängen schon. Da ist ein großformatiger van Gogh, der allerdings nicht so aussieht: Dargestellt ist ein verfallenes Bauernhaus in einem ziemlich realistischen Stil. Kein Wunder, dass das Gemälde 1968 in einem Antiquitätenladen in London für gerade mal 45 Pfund verscherbelt wurde. Man könnte es sich glatt neben dem röhrenden Hirsch über Omas Sofa vorstellen. Und doch muss man jetzt 15 Millionen Pfund (17 Millionen Euro) dafür hinblättern. Van Gogh eben. Die Legende. Das abgeschnittene Ohr undsoweiter.

Vergleichsweise preiswert ist da mit 2,4 Millionen Euro ein «Selbstbildnis mit grünlichem Hintergrund» von Max Beckmann. Strahlend schön sind «Drei Tänzerinnen in gelben Kleidern» von Edgar Degas. Preis unbekannt, bei Kaufinteresse bitte am Stand melden. Ein wahres Schatzkästlein ist eine Schmuckkassette aus dem Nürnberg der Renaissance, die Georg Laue aus München anbietet. Preis: 850.000 Euro.

Und Corona? Gibt's denn gar keine Corona-Angst hier? Deutsche Besucher erkennt man tendenziell daran, dass sie anderen nicht die Hand geben. Die Gastgeber akzeptieren das mit Nachsicht, auch wenn es ihnen wohl leicht übertrieben erscheint. In den Fernsehnachrichten kann man sogar Jaap van Dissel, dem Direktor des niederländischen Pendants zum Robert-Koch-Institut, dabei zuschauen, wie er reihenweise Hände schüttelt. «In Deutschland sind sie ein bisschen hysterisch», findet Kunsthändler Laue. «In den Niederlanden nimmt man es lockerer.»

Die Händler bleiben gelassen: Von 185 Ausstellern haben gerade mal drei abgesagt. An Besuchern werden wohl weniger kommen als die 70.000 vom letzten Jahr. Aber diese Zahl ist für die Händler gar nicht so wichtig. Entscheidend ist, ob die richtig zahlungskräftigen Käufer wegbleiben. Immerhin: Diese Klientel ist nicht dafür bekannt, mit überfüllten öffentlichen Nahverkehrsmitteln anzureisen. Sie schwebt vorzugsweise im Privatjet über den Flughafen Maastricht-Aachen ein.

Noch immer findet man auf der Tefaf alte Meister, die auch im Amsterdamer Rijksmuseum hängen könnten. Aber es sind nicht mehr ganz so viele wie früher. Der Altmeistermarkt ist im gehobenen Segment leer gefegt. Es gibt einfach zu wenige Haushaltsauflösungen im englischen Hochadel. Deshalb legt die Tefaf mittlerweile Wert darauf, auch im Bereich der modernen und zeitgenössischen Kunst Werke auf Top-Niveau anzubieten.

Und dann gibt es auch noch Skulpturen, Möbel, Schmuck, historische Waffen - und eine Flasche mit Desinfektionsmittel. Die aber nicht fotografiert werden soll. Gibt es hier etwas zu verbergen?

Messechef Nanne Dekking lächelt. Er ist ein Niederländer, der seit Jahrzehnten in New York lebt, aber auch oft in Berlin ist. «Die Entscheidung, die wir getroffen haben», sagt er der Deutschen Presse-Agentur, «bestand darin, zu erkennen, dass wir keine Entscheidung treffen können.» Das bedeutet? «Ich bin Kunsthistoriker, und andere Mitglieder unseres Vorstands haben vielleicht Wirtschaft studiert oder was auch immer. Auf jeden Fall sind wir keine Gesundheitsexperten.» Deshalb habe er sich zunächst mal gefragt: «Wer kennt sich aus? Wer kann uns sagen, was zu tun ist?»

In den Niederlanden seien das in erster Linie die lokalen Behörden. Und die haben entschieden, dass die Messe stattfinden kann. Dekking hat den Brief der Maastrichter Bürgermeisterin Annemarie Penn-Te Strake verbreiten lassen. Darin heißt es, keines der zuständigen Gesundheitsinstitute sehe derzeit irgendeinen Grund dafür, die Messe zu canceln.

Kann es sein, dass die Tefaf für Stadt und Region von so überragender wirtschaftlicher Bedeutung ist, dass man eine Schließung gar nicht erst ernsthaft in Betracht zieht? «Ich habe darüber nachgedacht», sagt Dekking. «Ich habe darüber nachgedacht, aber ich glaube nicht, dass das der Fall ist. Es sind aufrichtige Leute.» Auch Ministerpräsident Mark Rutte hat gesagt, dass alle Veranstaltungen wie geplant stattfinden können. Absagen hält er schlicht für «nicht sinnvoll».

Die Lage werde ständig neu beurteilt, und zusätzliche Schutzmaßnahmen seien getroffen worden, versichert Dekking: Am Messeeingang stehen Handgelspender. Und außerdem gibt es «extra schoonmaakrondes»: Extra-Putzrunden. Die Tefaf ist gerüstet.

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