Terroranschlag in Paris Neues Bataclan-Buch: Lehrstück in Toleranz

Bei dem Attentat auf den Pariser Konzertsaal Bataclan 2015 kamen 90 Menschen ums Leben. Nun ist ein Buch erschienen, das in Frankreich viel Aufsehen erregt.

Von dpa
Georges Salines hat den Vater des Bataclan-Attentäters getroffen.
Georges Salines hat den Vater des Bataclan-Attentäters getroffen. Foto: Yoan Valat

Paris (dpa) - Lola war 28 Jahre. Sie wurde bei dem Angriff auf den Konzertsaal Bataclan mitten in Paris durch zwei Schüsse getötet. Samy war einer der Attentäter, die dort am 13. November schwer bewaffnet in das Konzert der Rockgruppe Eagles of Death Metal stürmten.

Neunzig Menschen starben, darunter Lola. Samy, 29 Jahre alt, wurde von einem der Polizisten erschossen. In Frankreich ist nun ein Buch erschienen, das als Lehrstück in Toleranz gefeiert wird. Es beschreibt die einzigartige Begegnung zwischen dem Vater des Opfers und dem des Bataclan-Attentäters.

«Il nous reste les mots» (etwa: Es bleiben uns die Worte) lautet der Titel des Buches, das auf mehr als 200 Seiten den Dialog zwischen Georges Salines, dem Vater der getöteten jungen Frau, und Azdyne Amimour, dem Vater des Dschihadisten, wiedergibt. «Erschütternd», «überwältigend», «bewegend», so feiern Frankreichs Medien das Werk. Als «mutiges Buch» beschreibt es die Regionalzeitung «La Voix du Nord», als ein «Zeichen der Toleranz» der Radiosender «France Info».

Salines und Amimour sind sich erstmals im Februar 2017 auf Initiative des Vaters des Attentäters begegnet. Warum? Weil sich der gebürtige Algerier als Opfer seines Sohnes sah. Salines wusste zunächst nicht, wie er auf Amimours ungewöhnliches Anliegen reagierten sollte. Als Präsident der Vereinigung «13onze15 Fraternité et vérité» hatte er zwar Gelegenheit gehabt, sich mit Müttern von jungen Menschen zu unterhalten, die nach Syrien gegangen sind, schreibt er. Doch die Perspektive, den Vater des Bataclan-Attentäters zu treffen, den möglichen Mörder seiner Tochter, habe ihm Angst gemacht, schreibt er in dem Buch.

«13onze15 Fraternité et vérité», die Vereinigung der Opfer der Pariser Anschläge vom 13. November 2015, wurde im Januar 2016 gegründet. Ihr Ziel: Den Opfern und deren Familien zu helfen und den Terrorismus zu bekämpfen. Bei den Angriffen auf das Bataclan, das Fußballstadion Stade de France sowie auf Cafés, Bars und Restaurants wurden 130 Menschen getötet und 683 verletzt.

Kann man dem Vater eines Attentäters Vorwürfe machen? Wird er automatisch mitverantwortlich? Darf man mit ihm sprechen? Unzählige Fragen, die sich Salines stellte. Er sagte das Treffen zu, weil er wissen wollte, was junge Menschen im Alter seiner Tochter zu diesem Massaker getrieben hatte.

In den Gesprächen erfuhren beide Männer vom Leben des jeweils anderen. Von Lola und ihrer Kindheit. Davon, dass Salines als Arzt im öffentlichen Dienst mit seiner Familie zwischen 1993 und 1998 in Ägypten lebte. In dieser Zeit wurden in Kairo auf das Luxushotel Semiramis Anschläge verübt und es fand das Massaker von Luxor statt, bei dem Islamisten mehrere Dutzend ausländische Touristen töteten.

Davon, dass Samy schüchtern und introvertiert war, dass er anfänglich Jura studierte und später bei den Pariser öffentlichen Nahverkehrsbetrieben RATP als Busfahrer arbeitete und langsam begann, sich zu radikalisieren. Und auch davon, wie sein Vater vergeblich versuchte, seinen Sohn persönlich aus Syrien herauszuholen, wohin dieser 2013 zum Dschihad gereist war.

Für Amimour waren die Treffen eine Therapie, um sich von seinen Schuldgefühlen zu befreien. Er habe geglaubt, indem er seinem Sohn das ersparen würde, was er selbst habe durchmachen müssen, seien 90 Prozent der Erziehung gelungen, sagte er dem Radiosender «France Info». Aber es gebe immer Dinge, die einem entgehen, erklärte er. Für beide, Georges Salines und Azdyne Amimour, jedoch diente der Dialog dazu, das Unfassbare zu verstehen, um weiteren Schrecken zu verhindern.

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