»Otello darf nicht platzen!«: Theater Bielefeld kann Musical
Die drei Tenöre

Bielefeld (WB). Das Premierenpublikum am Sonntag im ausverkauften Stadttheater dankte nicht nur zum Schluss mit stehenden Ovationen, sondern auch mit reichlich – und wohlverdientem – Szenenapplaus. Das Bielefelder Theater kann Musical. Jüngster Beweis: »Otello darf nicht platzen!«

Dienstag, 03.09.2019, 14:00 Uhr
Hinter der Tür streiten sich der Startenor Tito Merelli und seine Gattin Maria, und alle anderen Mitwirkenden des Musicals »Otello darf nicht platzen!« lauschen. Die gesungene Boulevard-Komödie hatte im Bielefelder Stadttheater gefeierte Premiere. Foto: Bettina Stöß
Maggie (Jeannine Michèle Wacker) glaubt, vor Merelli zu stehen, erkennt ihren Verlobten Max (Jonas Hein) im Otello-Kostüm nicht.

Maggie (Jeannine Michèle Wacker) glaubt, vor Merelli zu stehen, erkennt ihren Verlobten Max (Jonas Hein) im Otello-Kostüm nicht. Foto: Bettina Stöß

Musical-Kapellmeister William Ward Murta und die Bielefelder Philharmoniker wechselten mühelos zwischen Opernklängen und Broadway-Sound. Regisseur Thomas Winter ließ keine Sekunde Langeweile aufkommen, und Kostüme und Kulissen von Ulv Jakobsen sorgten für die richtige Zeitstimmung.

Wir schreiben nämlich das Jahr 1934 in Cleveland/Ohio; das Musical selbst erlebte seine Uraufführung allerdings erst 2011. Die zeitliche Rolle rückwärts aber ist unabdingbar, denn die Boulevardkomödie funktioniert nur, wenn Otello in Klischee-Kostüm, Klischee-Perücke und Klischee-Maske auftritt. Denn wie der einzig wahre Otello anmerkt, der Startenor Tito Merelli (Joshua Farrier, der den international gefeierten Opernstar nicht zuletzt auch stimmlich perfekt verkörpert): »Das Kostüm ist Otello.«

Auf der Bühne überschlagen sich die Ereignisse

Die Handlung, die sich, so verwirrend sie erscheinen mag, auf der Bühne doch aufs Schönste entfaltet: Es ist kurz vor der »Otello«-Galavorstellung. Der Startenor erscheint erst in letzter Minute. Souffleur Max, der sich die Otello-Partie durchaus zutraut, aber von schmächtiger Statur ist, wird als Aufpasser für den Sänger abgestellt. Dann überschlagen sich die Ereignisse: Merelli wird von seiner Frau verlassen und fällt nach der unwissentlichen Einnahme von Beruhigungsmitteln in tiefen Schlaf.

Max schlüpft in sein Kostüm und brilliert auf der Bühne, und Theaterdirektor Saunders wird ebenfalls zum Otello, weil der Präsident ihn, also den Startenor, kurzfristig kennenlernen will. Beide, Max und Saunders, sind außerdem der Überzeugung, dass Merelli tot ist, genießen aber das Entgegenkommen der Damenwelt, auch wenn Max einsehen muss, dass seine eigene Verlobte ihn, mit sich selbst (als Otello) betrogen hat. Merelli taucht quicklebendig wieder auf – natürlich im Otello-Kostüm: die drei Tenöre eben.

Schönes Schlussbild für’s Finale

Zu chaotisch? Keine Angst. Das Happy End naht. Regisseur Winter hat sich außerdem fürs Finale ein schönes Schlussbild ausgedacht.

Besonders im zweiten Akt zeigen alle Mitwirkenden höchste Konzentration, um mit Präzision jede Volte schlagen zu können. Anders hätte schließlich auch die Gefahr bestanden, dass »Otello darf nicht platzen!« zum Klamauk verkommt.

Neben Joshua Farrier, der sicher nicht zufällig an Luciano Pavarotti erinnert, brillieren auch alle anderen Darsteller: Jonas Hein, der als Max zum Startenor wird und sogar noch Herz und Hand seiner Maggie (Jeannine Michèle Wacker, die als Merelli-Fan einfach alles zu geben bereit ist) gewinnt; Dirk Audehm als Theaterdirektor Saunders, der nach drei Ehen mit den Damen der Theatergilde, die der Einfachheit halber alle Anna heißen (Evelina Quilichini, Franziska Hösli, Michael Thiel) auch noch zum vierten Mal ja sagt: zur schlagfertigen Sopranistin Diana Divane (Navina Heyne).

Der Abend ist ein großes Vergnügen

Die singt Merelli in 90 Sekunden alle Partien an, die sie im Repertoire hat – von Carmen bis Lucia di Lammermoor – und begeistert damit das Publikum. Ehefrau Maria Merelli, von Eifersucht geplagt, ist Roberta Valentini, die den Akzent als Italienerin von Geburt an gut drauf hat, Carlos Horacio Rivas ist der dienstbeflissene Inspizient.

Ebenso Starstatus hat der Opernchor (Leitung: Hagen Enke), der den Opernchor von Cleveland singt, tanzt und jeden noch so verrückten Winkelzug ausspielt. Der Abend ist ein großes Vergnügen – auch für all die ernsthaften Opernliebhaber, die Spaß verstehen.

Die nächsten Vorstellungstermine: 15., 21., 25., 27. September; 1., 20. Oktober; 3. November.

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