Was uns heimische Volkslieder über die Liebe erzählen
»Der Kuss ist oft eine Verbrämung von Sex«

Münster/Bielefeld (WB). Er steht für Leidenschaft oder für Abschied, für Treue oder die Sünde: Der Kuss ist nicht nur in der populären Musik ein oft beschworenes Thema.

Samstag, 06.07.2019, 04:00 Uhr aktualisiert: 06.07.2019, 17:58 Uhr
Der romantische Kuss ist nicht nur in deutschen Volksliedern ein beliebtes Leitmotiv. Foto: imago

Die schönste Art, gemeinsam den Mund zu halten. Das Kleingeld der Liebe. Eine Sache, für die man beide Hände braucht. Wer im Internet nach Weisheiten zum Thema Kuss sucht, wird schnell fündig. Besonders zum internationalen Tag des Kusses an diesem Samstag. Wer – wie die Volkskundler vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) – noch ein bisschen tiefer in den Archiven gräbt, dem wird schnell klar: Küssen ist nicht gleich Küssen.

Mit Romantik verbunden

Sicher, so erklärt es Christiane Cantauw von der Volkskundlichen Kommission des LWL, sei er auch in den alten Volksliedern häufig mit Romantik verbunden. Der Kuss der Verliebten, ein Lippenbekenntnis zweier Herzen. »Aber häufig waren vor allem die Lieder beliebt, in denen es dramatisch zugeht.«

Das ist zum Beispiel bei einer Weise der Fall, die mit den Worten »Ich habe den Frühling gesehen...« beginnt. Wie andere Volkslieder, ist sie im Archiv der LWL-Volkskundler dokumentiert.

Volkskundlerin Christiane Cantauw

Volkskundlerin Christiane Cantauw

Eingesungen von einem Mann aus Borgentreich-Natzungen, 1954. Hier ist der Kuss eine süße Erinnerung an eine verstorbene Geliebte. »Aus heutiger Sicht denken wir vielleicht, dass der Text hochstilisiert ist«, erklärt Cantauw. »Aber solche Lieder berichten oft von sehr realen Erfahrungen.« Zum Beispiel von damals noch bedrohlichen Krankheiten – oder Krieg.

So sei es wahrscheinlich auch im Fall von »Ein Jäger wollte früh aufstehen«, sagt Cantauw. Das Lied, das etwa zwischen 1890 und 1912 auch im Raum Holzminden gesungen worden sein soll, erzählt von Abschied. »In diesem letzten Augenblick vergess’ ich auch das Küssen nicht.«

»Chronologie der Liebe«

Dass mit dem Wort »küssen« manchmal durchaus mehr gemeint ist, lässt sich laut Cantauw am Text von »Ich habe mein Feinsliebchen« ablesen, von dem eine Textvariante aus dem Mindener Stadtteil Kutenhausen im LWL-Archiv erhalten ist. Darin warnt ein Vater – in anderen Versionen eine Mutter – vor einer zu frühen... sagen wir: »Bindung«. Wenn das junge Mädchen dann Mutter ist, sei es vorbei mit Spaß und Tanz. Dann hieße es, an der Wiege zu stehen und einem Kind zu singen. »Der Kuss ist oft eine Verbrämung von Sex«, sagt Christiane Cantauw.

Es gäbe aber auch die »keuschen Küsse«. Wenn zum Beispiel vom Kuss eines Engels die Rede sei (»Es geht durch alle Land, ein Engel still umher«; 1930 in Steinfurt dokumentiert), dann sei damit ein himmlisches Geschenk gemeint. Aber diese Variante bilde die Ausnahme, wie die Volkskundler des Landesverbandes formulieren. Weitaus mehr Lieder würden Küsse in eine Art »Chronologie der Liebe« einpflegen: verlieben, küssen und heiraten.

Ohne musikalische Notation verbreitet

Doch nicht immer sei es so einfach. »In vielen Liedern wird gelogen und betrogen«, sagt Cantauw. Und dabei seien es nicht unbedingt immer die Männer, die dem Klischee nach die Treue brechen. »Ein niedliches Mädchen, ein junges Blut« zum Beispiel, den Archivangaben zufolge ein Bauerlied, das in Lichtenau (Kreis Paderborn) dokumentiert wurde: Es erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die ihren Mann wegschickte, um mit einem Soldaten anzubandeln. Doch der Bauer erwischte seine Ehefrau in flagranti, als sie dem Nebenbuhler gerade einen »feurigen Kuss« verpasste.

Je nach Region können sich Melodie und Text von Liedern stark unterscheiden, erklärt Cantauw. Zumal sie oft ohne musikalische Notation verbreitet wurden. So liegen im Archiv des LWL zum Beispiel Tonaufnahmen von Liedern, die auf Jahrmärkten von sogenannten »Harfenjulen«, also Straßensängerinnen, gesungen und dem Publikum beigebracht wurden.

»Die technischen Möglichkeiten der Aufnahme werden zwar immer besser«, erklärt die Volkskundlerin. »Aber es wird heute weniger gesungen.« Und wenn doch, dann wählten die Musiker oft Musik aus den Charts. Allerdings werde von Fachleuten mittlerweile auch anderes Liedgut dokumentiert – zum Beispiel Fangesänge im Fußballstadion. Doch da geht es selten ums Küssen...

Küsschen vor dem Bruderkuss: Das Bild von Erich Honecker und Leonid Breschnew (hinten) in Berlin urde zur Ikone.

Küsschen vor dem Bruderkuss: Das Bild von Erich Honecker und Leonid Breschnew (hinten) in Berlin urde zur Ikone. Foto: dpa

Kussgeschichte

Geht der Kuss auf die Brutpflege und das Mund-zu-Mund-Füttern unserer evolutionären Ahnen zurück? Verhaltensforscher wie der 2018 gestorbene Irenäus Eibl-Eibesfeldt behaupten das. Die bei einigen Völkern noch heute praktizierte »Kuss-Fütterung« hat der Österreicher auf seinen Reisen ausführlich dokumentiert. Die Mutter kaut die Nahrung vor und verabreicht sie dem Kind mit dem Mund – so ist es auch bei vielen Tierarten üblich, etwa bei Vögeln. Andere Forscher halten es für möglich, dass das Küssen mit dem Saugen des Säuglings an der Mutterbrust zusammenhängt, oder gehen von einem rein sexuellen Hintergrund des Kusses aus – als Ersatz für das tierische Schnüffeln im Anal- und Genitalbereich.

Kusskultur

Nicht überall wird munter drauflos geknutscht. Eine Studie des Kinsey-Instituts in Bloomington (US-Bundesstaat Indiana) zum Beispiel kommt zu dem Ergebnis, dass nicht einmal die Hälfte aller Völker das Küssen mit den Lippen überhaupt praktiziert. Weit verbreitet sei der mit Liebe oder Sexualität verbundene Kuss auf den Mund vor allem in Asien und Europa, im Nahen Osten und in Nordamerika, fand der Anthropologe Justin Garcia heraus. Bei afrikanischen Völkern südlich der Sahara, auf Neuguinea oder in Zentralamerika spiele der romantische Kuss eher keine Rolle. Und dass Eskimos zur Begrüßung lieber die Nasen aneinander reiben, hat wohl klimatische Gründe: In der Kälte könnten sonst die Lippen gefrieren.

Tierische Küsse

Sie tun es zwar selten, aber sie tun es: Auch Affen küssen sich, zum Beispiel Schimpansen. Allerdings nicht in der Absicht, sich zu paaren, sondern zum Abbau von Stress oder auch als Form des Spiels. Auch andere Tiere haben gelernt, dass körperliche Nähe positive Gefühle erzeugen kann: So gehört das »Schnäbeln« zum Paarungsverhalten mancher Vogelarten – vor allem wenn der Schnabel lang ist, wie zum Beispiel bei Reihern oder Störchen.

Kussgesund

In einem Punkt ist sich die Wissenschaft jedoch einig: Der Kuss ist wie eine Energiespritze, die das Immunsystem stärkt und Stress abbaut. Das Herz schlägt schneller, der Stoffwechsel kommt in Schwung, der Körper schüttet Hormone aus – zum Beispiel das sogenannte Kuschelhormon Oxytocin mit seiner beruhigenden und befriedigenden Wirkung. Küssen stärkt das Bindungsgefühl – zwischen Mutter und Kind ebenso wie unter Partnern. Wer gerne küsst, könnte für Bluthochdruck und Depressionen weniger anfällig sein, heißt es.

Kussrekorde

1941 hatten sich dem Guinness-Buch zufolge Jane Wyman und Regis Toomey in dem Film »Schrecken der zweiten Kompanie« (»You're in the Army now«) mit 3 Minuten und 5 Sekunden den bis heute gültigen Weltrekord auf einer kommerziellen Leinwand gesichert. Doch auch atemlos und unter Wasser hat das Küssen wohl seinen Reiz: Mit 3:24 Minuten verewigten sich Elisa Lazzarini und Michele Fucarino aus Italien 2010 im Guinness-Buch.

 

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