Joris aus Vlotho gastiert mit seinem Album »Schrei es raus!« auch in Minden
Joris: »Das Wichtigste ist, etwas zu fühlen«

Hannover/Vlotho (WB). Joris (29) hat seit seinem Debüt von 2015 immer wieder bewiesen, dass er sein Publikum mitreißen kann. Mit seinem Album »Schrei es raus!« will der Sänger, Gitarrist und Pianist, der in Vlotho aufwuchs , die Zuschauer zum Tanzen und zum Nachdenken bringen. Olaf Neumann hat mit ihm gesprochen.

Donnerstag, 06.06.2019, 07:26 Uhr aktualisiert: 06.06.2019, 17:32 Uhr
Joris spricht auch Jüngere an, aber es sind vor allem die 20- bis 40-Jährigen, die in seine Konzerte strömen. Stilistisch changiert er zwischen Rock und Pop, Hip-Hop liegt ihm nicht. Foto: imago

In dem Lied »Rom« geht es darum, dass Ihnen nach dem Abitur alle Wege offen standen, Sie aber trotzdem nicht wussten, wo es hingehen soll. Hat die Musik Ihnen Orientierung gegeben?

Joris: »Rom« ist einer der ersten deutschen Songs, die ich geschrieben habe. Er hat sich aber nicht auf mein letztes Album getraut, weil er siebeneinhalb Minuten lang ist. In Zeiten der Streamingdienste will ich auch als Albumkünstler wahrgenommen werden. Also wollte ich ein Gesamtgemälde malen, das auch mal ins Progressive abrutscht. Zwischendurch bin ich immer wieder mal vom Weg abgekommen, und die Musik hat mir Halt gegeben. Sie ist seit meinem fünften Lebensjahr an meiner Seite.

Worauf legen Sie beim Musikmachen Wert?

Joris: Auf alles! Beim Songschreiben ist das Wichtigste, etwas zu fühlen. Ich möchte das, was ich sagen will, nicht nur lyrisch, sondern auch musikalisch mitteilen. Das kann ein Jazz-, Metal- oder Popsong sein. Meine Musik soll anderen Leute das Gefühl geben, ähnliche Erfahrungen gemacht zu haben wie ich.

Muss man alles, über das man singt, selbst durchlebt haben, um authentisch zu sein?

Joris: Das nicht, aber meine Songs sind trotzdem alle biographisch angehaucht. Es gibt auch Geschichten, die mein Umfeld erlebt hat und die mich bewegen. Andere habe ich selbst erlebt, oder ich habe sie gelesen.

Verstehen Sie »Schrei es raus!« als Aufruf, Haltung zu zeigen?

Joris: Ja. Das ist natürlich sehr plakativ, aber auf dem Cover haben wir meinen Mund verdeckt, so dass ich gar nicht schreien kann. Dafür schreien die Augen. Nicht unbedingt der Lauteste hat die wichtigste Meinung, aber es ist trotzdem wichtig, Haltung zu zeigen. In dem Song »Schrei es raus!« geht es darum, aus dem Alltagstrott raus zu kommen und sich bewusst zu machen, dass man nur einmal lebt. Meine Generation hat die Chance, auf einem friedlichen Kontinent aufzuwachsen. Viele Generationen vor uns konnten das nicht.

Was ist Ihnen wichtig, wenn Sie sich öffentlich engagieren?

Joris: Ich mache keine Parteipolitik. In einer Demokratie ist es wichtig, dass jeder wählen geht und sagt, was er möchte. Aber wir Künstler stehen für Grundwerte wie Menschlichkeit ein.

Wird Kunst wichtiger in politisch turbulenten Zeiten?

Joris: Ich finde schon. Musik kann provozieren wie Satire. Kunst kann auf Rock- und Pop-Festivals viele Menschen zusammenbringen, die unterschiedliche Hautfarben und Herkünfte haben.

Bewirkt es etwas, die Stimme zu erheben oder zu demonstrieren?

Joris: Es wäre vermessen zu behaupten, dass ich unmittelbar nach einem Auftritt große Effekte spüre. Ich sehe aber, dass da ein großes Zusammenkommen stattfindet, und lese in den Gesichtern, dass die Veranstaltung ihnen Hoffnung und Mut gibt.

Muss man auch etwas gegen den Linksextremismus tun?

Joris: Wie gesagt: Bei mir findet keine Parteipolitik statt, sondern ein Einstehen für demokratische Werte. Egal, von welche Seite sie bedroht werden, ist es wichtig, die Stimme zu erheben und deutlich zu machen, dass das nicht zu unserer Vorstellung von einem Rechtsstaat und von Zusammenleben gehört. Wie der G20 in Hamburg, bei dem ganze Stadtteile verwüstet wurden.

Wie erinnern Sie sich an Ihr erstes Konzert?

Joris: Bei meinem ersten Konzert war ich zwölf und Schlagzeuger in einer Hardrockband. Es war in Herford und das erste Mal, dass ich an einem Schlagzeug spielte, an dem Mikrofone angebracht waren. Auf einmal fing diese Halle an zu beben! Das hat mir ein breites Lächeln ins Gesicht gezaubert, weil es ein erhabenes Gefühl war, so einen lauten Klang produzieren zu können.

Wie steinig war der Weg zum Erfolg?

Joris: Man sagt mir ständig, ich sei über Nacht berühmt geworden. Ich mache aber schon seit 20 Jahren Musik! Die fünf, sechs Jahre vor meinen Durchbruch waren hart. Wir sind mit einem überladenen privaten Pkw durch die Lande gefahren und haben in Bars gespielt. Manchmal kamen viele Leute zu uns, manchmal nur eine Handvoll. Und trotzdem hat es immer Spaß gemacht.

Hip-Hop hat Rock und Pop als dominante Jugendkultur abgelöst. Alle wichtigen gegenwärtigen künstlerischen Impulse kommen vom Hip-Hop. Warum machen Sie als junger Mensch altmodische Musik?

Joris: Weil ich wahnsinnig schlecht rappen kann! Ich habe immer Rock- und Popmusik gehört. Ich mag auch gut gemachten Hip-Hop, aber ich bin nicht so opportunistisch, sofort das Schiff zu wechseln. Meine Musik wird zum Glück nicht nur von Jugendlichen gehört, meine Hauptzielgruppe liegt zwischen 20 und 40 Jahren. Ich bin wahrscheinlich schon ein bisschen zu alt für die Musik, die gerade aktuell ist.

Hatten Ihre Eltern Einfluss auf Ihre musikalische Sozialisation?

Joris: Als ich fünf war, habe ich zusammen mit meinem Vater den Film »Blues Brothers« geschaut. Und bei uns zu Hause liefen oft die »Dire Straits«. Meine Eltern haben mich auf meinem Weg immer unterstützt. Mein Vater hätte es sicher gern gesehen, wenn ich Mediziner geworden wäre oder etwas anderes »Vernünftiges« gemacht hätte.

Was ist das für ein Gefühl, Fans zu haben?

Joris: Zuweilen ein komisches. Wenn wir auf Tour irgendwo ankommen, sind die Fans meistens schon da, Leute, die man am Abend vorher schon gesehen hat. Daran sehe ich, dass meine Musik viele Menschen bewegt. Auf der anderen Seite muss man zusehen, dass man Erfolg nicht zu seinem eigenen Glück erklärt, sonst wird es schwierig, glücklich zu sein

Über Joris

Joris wurde am 1. Dezember 1989 als Joris Ramon Buchholz in Stuhr-Brinkum bei Bremen geboren und wuchs in Vlotho (Kreis Herford) auf. Er begann ein Studium an der Hochschule für populäre Künste in Berlin und wechselte an die Popakademie in Mannheim.

Dort gründete er eine Band, mit der er 2014 erstmals auf Tour ging und bis heute spielt. 2015 erschien sein Debüt »Hoffnungslos hoffnungsvoll«, das den Top-5-Hit »Herz über Kopf« enthielt. 2016 erhielt Joris drei »Echos«. Im Oktober 2018 erschien sein zweites Album »Schrei es raus!« , mit dem er momentan auf Tour ist: Am 28. August gastiert er in Bochum, am 31. August in Minden. Joris lebt in Mannheim.

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