»Jugend und Alter«: neue Schau voller Überraschungen im Böckstiegel-Museum in Werther
Im Zentrum steht der Mensch

Werther (WB). Zuletzt hat sich das neue Böckstiegel-Museum mit zwei schönen Ausstellungen über Wilhelm Heiner und Robert Sterl profiliert. Jetzt aber möchten viele Besucher wieder etwas von Böckstiegel sehen. Können sie haben. Mehr noch: In dem prachtvollen Neubau in Werther gewinnen sie dem Werk des heimischen Expressionisten ganz neue Erkenntnisse ab.

Samstag, 04.05.2019, 04:00 Uhr aktualisiert: 04.05.2019, 17:08 Uhr

Natürlich kommt auch die neue Schau »Jugend und Alter – Der Mensch im Werk von Peter August Böckstiegel«, ein Blick auf das Frühwerk, nicht ohne einige seiner klassischen »Bauern«-Gemälde aus der Heimat des Künstlers (1889-1951) aus. Dazu gehört sein berühmtes van Gogh nachempfundenes Selbstporträt, »sehr oft aber wird das ›Familienbild‹ von 1924 nachgefragt, das wir in einem Schrank gefunden und restauriert haben«, sagt der Museumsleiter David Riedel – natürlich ist das Werk diesmal wieder zu sehen.

»Bauernmädchen aus Arrode« (1913) – ein eher unbekanntes Bild (Privatbesitz).

»Bauernmädchen aus Arrode« (1913) – ein eher unbekanntes Bild (Privatbesitz). Foto: Margit Brand

Böckstiegel hoffte, seine Bilder möchten »der Jugend und der Heimat dienen«, und als Anfang der 20er Jahre das Bielefelder Helmholtz-Gymnasium (damals: Oberrealschule) Interesse an dem großformatigen Ölbild »Jugend und Alter« zeigte, überließ der hocherfreute Künstler das Werk der Schule für einen absichtsvoll moderaten Preis. Das Vierfachporträt eröffnet die Ausstellung in der Gegenüberstellung mit einigen kleineren Aquarellen, die Böckstiegels schwangere Frau Anna zeigen – auch eine Art, und eine hübsche dazu, den Generationenwechsel ins Bild zu setzen. Noch direkter geht er das Thema in seinem »Selbstbildnis mit Tochter« (1921) an: Da strahlt uns ein ganz besonders pausbäckiges Kleinkind an, Böckstiegels Tochter Sonja. Hinter ihr der Maler selbst, mit struppigem Bart und den typischen ernsten Zügen, die ihn ja manchmal etwas bärbeißig wirken lassen. Oder eben als Wissenden um die Fährnisse des Lebens – auch dies ein Weg, Jung und Alt gegenüberzustellen.

Als Böckstiegel 1913 mit 24 nach Dresden ging, inszenierte er, wie es andere junge Männer sicher getan hätten, nicht etwa das Nachtleben der Großstadt. Es gibt nur ganz wenige streng wirkende Lithografien zum Thema »Nächtliche Stadt«, zwei hängen in der Schau. Daneben aber Böckstiegels wahre Passion: Porträts von Seniorinnen, die zu jener Zeit, so sie denn nicht ganz mittellos, vor allem aber von »untadeliger« Lebensart waren, in sogenannten Altfrauenhäusern lebten. Die Damen des Dresdener Henrietten­stifts schätzten den vielseitig interessierten jungen Mann aus Ostwestfalen, der wiederum, finanziell nicht eben auf Rosen gebettet, die Bewirtung mit Speis und Trank nicht verachtete. Auf diese Weise entstand ein kleines Kabinett mit Porträts, die Sozialstudien sehr nahe kommen – »fast an Zille sein Milljöh erinnernde Zeichnungen«, findet Riedel. So analytisch jedenfalls hat man den Wertheraner »Bauernmaler« kaum je wahrgenommen.

»Meine Mutter mit Tochter lachend« (1924) – eine Szene aus dem Familienalltag.

»Meine Mutter mit Tochter lachend« (1924) – eine Szene aus dem Familienalltag. Foto: Margit Brand

Noch weiter in malerische Terra incognita stößt der Museumsbesucher in einer kleinen Abteilung vor, die den in den Zwanzigern beliebten »Völkerschauen« gewidmet ist. Viele Zoos, auch der Tierpark in Dresden, zeigten damals nicht nur Tiere, sondern auch Menschen aus entlegenen Gegenden. Dahinter stand eine unverhohlen rassistische Ideologie, die in Dresden dazu führte, dass Angehörige der nordeuropäischen Völkergruppe der Samen, damals noch Lappen genannt, den Zoobesuchern »Folklore auf Kommando« vorführen sollten. Böckstiegel scheint die Arroganz, die hinter diesem Konzept steckt, klar erkannt zu haben: Er aquarellierte die »Lappin«, das »Lappenmädchen« und den »Lappenjungen« nicht in seinem »Gehege«, sondern als Porträt. Als Kulturträger in ihrer traditionellen Tracht. Auch das ist eine Facette in Böckstiegels Œuvre, die viel zu lange im Verborgenen geblieben ist.

Und schließlich lernt man einen Künstler kennen, der cum grano salis als Vorläufer der Pop-Art anzusprechen wäre: in überaus bunten Kinderbildern, die nichts von der Strenge der verhärmten Gestalten des Verismus haben. Stattdessen lachende Mädchen mit Blumen und Schleifen im Haar, Kinder, die man in ausgelassenem Spiel begeistert kreischen zu hören glaubt, einen farbenfrohen Ball zwischen den Füßen, die Ärmchen dem Betrachter fordernd entgegengestreckt.

Riedel und sein Team präsentieren 68 Bilder, zwei Skulpturen und eine Vitrine mit Dokumenten. Manches bekannte, viel lieber jedoch das selten oder nie Gezeigte, Bilder, um deren Existenz nicht mal die Ausstellungsmacher wussten. Sie legen nicht so großen Wert auf Chronologie. Sie führen den Besucher nicht am Nasenring von Thema zu Thema. Ihre Schau hat keinen wirklichen Anfang und kein identifizierbares Ende. Stattdessen sind die Besucher im Museum eingeladen, Böckstiegels Kunst nach ganz individuellen Vorlieben zu erwandern. Auch den Aficionados öffnen sich in dieser Ausstellung vollkommen überraschende Einblicke.

Zur Ausstellung

Die Ausstellung »Jugend und Alter – Der Mensch im Werk von Peter August Böckstiegel«, die am Sonntag eröffnet wird, ist bis zum 15. September zu sehen. Das Museum in Werther (Schloßstraße 111) ist mittwochs bis sonntags von 12 bis 18 Uhr geöffnet; der Eintritt beträgt jetzt sieben Euro (ermäßigt vier). Das benachbarte Künstlerhaus, in dem Böckstiegel lebte, kann bei Führungen besichtigt werden (Tel.: 05203/901872). Die nächsten beiden Ausstellungen: Die Expressionisten (in Kooperation mit Münster) sowie Käthe Kollwitz. Die nächste Sommerausstellung widmet sich Böckstiegel in der NS-Zeit.

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