Soulstar Marvin Gaye wäre heute 80 Jahre alt geworden – Seinen größten Song schrieb er in Ostende
Heißer Hit im kalten Exil

Ostende (WB). Marvin Gaye kam an einem kalten Wintermorgen im Februar 1981 mit der Fähre aus Dover in Ostende an. Während der Einfahrt in den Hafen stand er an Deck, gehüllt in einen langen Mantel aus dicker Schurwolle. Was trieb den König des Soul zur Königin der Seebäder?

Dienstag, 02.04.2019, 13:16 Uhr aktualisiert: 02.04.2019, 13:18 Uhr
Lebensgroß in Bronze: eine Statue von Marvin Gaye im Casino-Foyer der Stadt Ostende. Foto: Andreas Schnadwinkel, imago

Marvin Gaye war 41 und auf der Flucht – vor seinen Ex-Frauen, vor seinem Vater, vor den Steuerbehörden, vor seiner Sucht, vor sich selbst. Ausgerechnet in Ostende schrieb der Weltstar seinen größten Hit: »Sexual Healing«. Heute wäre Marvin Gaye 80 Jahre alt geworden. Anlass genug für eine Spurensuche an der Nordsee.

Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs genoss Ostende den Ruf eines mondänen Badeorts. Hier an den belgischen Stränden traf sich nicht nur das gehobene Bürgertum zur Sommerfrische. Während in Nazi-Deutschland ihre Bücher brannten, suchten Exilschriftsteller Joseph Roth, Stefan Zweig und Egon Erwin Kisch ihre Nische an der damals noch glamourösen Corniche.

Der Charme war schon ein anderer, als Marvin Gaye Anfang der 80er kam: der ganz eigene Charme des Plattenbaus. Über Kilometer ziehen sich die Beton- und Backsteinblocks am Strand entlang. Den Belgiern macht das nichts. In den Sommermonaten ist das eigenwillige, aber durchaus reizvolle Ostende stets ausgebucht.

Ein depressiver und drogenabhängiger Weltstar

Marvin Gaye hatte seine Europatour gerade hinter sich und war in London gestrandet – ein depressiver und drogenabhängiger Weltstar, der mit Songs wie »What’s going on«, »Mercy Mercy me«, »I heard it through the Grapevine« und »Ain’t nothing like the real Thing« die Welt zu einem musikalisch besseren Ort gemacht hatte.

Bei rund vier Millionen Dollar Steuerschulden ließen die US-Finanzbehörden natürlich nicht locker und rückten dem Sänger in London auf die Pelle. Das soll der Grund für die überstürzte Flucht nach Belgien gewesen sein. Den Kontakt in die englische Soulszene stellte Freddy Cousaert her.

Der umtriebige Konzertveranstalter, Klubbesitzer und Hotelier lud Gaye zu sich nach Ostende ein. Dort sollte er die Drogen vergessen und den Druck loswerden. Familie Cousaert nahm den prominenten Gast gerne bei sich auf. Freddys Frau Liliane bekochte ihn, und die Kinder schlossen ihn schnell ins Herz.

Frühstück in Ostende: Im Hotel Bero essen die Besucher vor einem Foto, das Marvin Gaye 1981 in dem belgischen Badeort mit seinem Gastgeber Freddy Cousaert zeigt.

Frühstück in Ostende: Im Hotel Bero essen die Besucher vor einem Foto, das Marvin Gaye 1981 in dem belgischen Badeort mit seinem Gastgeber Freddy Cousaert zeigt.

Der großgewachsene Afroamerikaner fiel in Ostende auf, wenn er am Strand seine Dauerläufe machte. Die meisten Einwohner dachten, er sei einer der US-Profispieler des heimischen Basketballteams. In der Tat verbrachte Marvin Gaye seine Zeit auch mit den Sportlern. Es schien ihm besser zu gehen, denn schon bald verspürte er wieder Lust auf Soul und erkundigte sich bei Freddy Cousaert nach Musikern. Der Promoter hatte durchaus Hintergedanken und träumte von einem Comeback des Stars, an dem er mitverdienen könnte, und vermittelte ihm Soulmusiker, die er kannte.

Mittlerweile bewohnte Gaye ein Appartement in der vierten Etage der Residenz Jane. Das Haus an der Promenade gehört zur Pophistorie. Mit Sessionmusikern wie dem Gitarristen Danny Bossaer schuf Gaye hier die Grundlage für sein Comeback-Album »Midnight Love«, das von Oktober 1981 bis August 1982 im Studio Katy im 140 Kilometer entfernten wallonischen Örtchen Ohain aufgenommen werden sollte. Und in der Residenz Jane schrieb er auch seinen größten Hit: »Sexual Healing«, den zweiten Song auf seiner 17., letzten und erfolgreichsten Platte.

»Creative Birthplace of Sexual Healing«

Vor dem schmalen, aber hohen Gebäude an der Seepromenade erinnert eine Bodenplatte daran. »Creative Birthplace of Sexual Healing« steht auf der Gedenktafel, daneben ein Marvin-Gaye-Porträt sowie das Geburtsdatum 2. April 1939 und der Todestag 1. April 1984. Wer es nicht weiß oder nicht gezielt sucht, übersieht den Hinweis leicht.

Vierte Etage mit Meerblick: In seinem Appartement in der Residenz Jane (mittleres Gebäude) hat Marvin Gaye den Welthit »Sexual Healing« geschrieben.

Vierte Etage mit Meerblick: In seinem Appartement in der Residenz Jane (mittleres Gebäude) hat Marvin Gaye den Welthit »Sexual Healing« geschrieben.

Seit einigen Jahren bietet das Tourismusbüro Ostende eine Marvin-Gaye-Tour an. Die »Midnight Love Tour« schickt die Besucher zwei Stunden mit iPods durch die Stadt. Zwölf Stationen machen das kalte Exil und den heißen Hit mit Interviews, Songs und Videos an den originalen Orten erlebbar. Letzte Station ist der Casino-Kursaal – eine Retroperle wie die Konzerthalle im Kurpark Bad Salzuflen. Im Foyer steht eine Skulptur aus zweieinhalb Tonnen Bronze: Marvin Gaye in Lebensgröße am Piano.

18 Monate lebte der Soulmusiker in Ostende. Und auch heute kann man nur spekulieren, wie ihn dieser Ort zu »Sexual Healing« inspirierte. Ende des Sommers 1982 kam die innere Unruhe wieder, es gab Probleme mit seinem Visum, und Gaye kehrte in die USA zurück. Glücklich wurde er in der Heimat nicht. Im Gegenteil: Drogen und Depressionen nahmen ihn in Beschlag, und er soll ernsthaft überlegt haben, wieder nach Ostende zu gehen. Wenn er es getan hätte, würde er vielleicht noch leben und seinen 80. Geburtstag feiern. Aber im Verlauf eines Streits wurde Marvin Gaye am 1. April 1984 von seinem Vater erschossen.

Heute könnte kein Weltstar mehr im Hafen anlanden. Für Auto- und Personenfähren besteht die Verbindung zwischen Dover und Ostende nicht mehr: Die Strecke ist zu weit, der Betrieb lohnt sich nicht. Allerdings könnten die Folgen des Brexits neue Chancen eröffnen. Denn wenn Dover und Calais mit der Zollabfertigung derart überlastet sind, dass die Wartezeiten zehn und mehr Stunden betragen, sucht sich das Transportgewerbe neue Wege. Und findet sie.

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