Kunst-Triennale in Ostende hält das Erbe Jan Hoets, des Gründungsdirektors des Herforder Marta, lebendig Ein Floß und viele Flöße

Ostende/Herford (WB). Ob Biennale oder Documenta – in der Weltkunst drehen sich seit drei Jahren die meisten Werke um Flüchtlinge und Migration. Durchdachter und konsequenter als die großen Ausstellungen in Venedig und Kassel nähert sich die Kunst-Triennale im belgischen Ostende dem Thema Flucht – mit dem Floß als Symbol und Metapher.

Von Andreas Schnadwinkel
»Das Floß der Medusa« (Mitte) aus dem Jahr 1819 von Théodore Géricault (1791-1824) ist der kunsthistorische Anker der Ausstellung.
»Das Floß der Medusa« (Mitte) aus dem Jahr 1819 von Théodore Géricault (1791-1824) ist der kunsthistorische Anker der Ausstellung. Foto: Andreas Schnadwinkel (7)

Obendrein versteht sich die Schau »Het Vlot« (bis 15. April) als Hommage an Jan Hoet, den im Februar 2014 verstorbenen Gründungsdirektor des Herforder Museums Marta. Jan Hoet hatte vor fünf Jahren den Auftakt der Triennale in der belgischen Hafenstadt konzipiert und der internationalen Schau den Titel »Das Meer« gegeben.

Es sollte ein großer Erfolg werden, den der künstlerische Leiter der Documenta IX von 1992 und ehemalige Marta-Chef, nicht mehr erlebte. »Das Meer« eröffnete im Herbst 2014, da war Hoet schon ein halbes Jahr tot.

Hoets Nachfolger

Sein Nachfolger ist nicht minder charismatisch: Jan Fabre, Belgier wie Hoet, gilt als einer der einflussreichsten Gegenwartskünstler in Europa. Seine Kontakte sind bemerkenswert: In Ostende stellen unter anderem Marina Abramovic, Robert Wilson, Luc Tuymans, Steve McQueen und Julius von Bismarck aus.

Fabre ist durchaus genialisch veranlagt. Sein Selbstbewusstsein kennt kaum Grenzen. Ins Zentrum der Ausstellung »Das Floß. Kunst ist (nicht) einsam« hat der Triennale-Kurator ein eigenes Werk von 1986 gerückt, das so betitelt ist. Ganz allein aber hat der 59-Jährige das Projekt nicht gestemmt: Kuratorin Joanna De Vos hat mitgewirkt.

Ölbild aus Pariser Louvre als Bezugspunkt Triennale-Kurator : Jan Fabre

Als eigentlicher Bezugspunkt dient das Gemälde »Das Floß der Medusa« (1819) von Théodore Géricault (1791-1824). Das fünf Mal sieben Meter große Ölbild hängt im Pariser Louvre und stellt die Überlebenden eines Schiffbruchs dar. Verbindungen zur aktuellen Flüchtlingskrise sind überdeutlich und sollen es auch sein.

Mehr als 70 Künstler treten mit dem Gemälde in Dialog und setzen sich mit dem Motiv des Floßes auseinander. 53 Arbeiten sind eigens für die Triennale entstanden. Die Werke sind an 20 Orten in Ostende ausgestellt. Am auffälligsten ist Michaël Borremans’ überdimensionale Skulptur eines anonymen Kapuzenmanns, der wie ein Ertrunkener im Bassin vor dem Kasino des einst so mondänen Seebads liegt.

Auf den ersten Blick wirkt die Inszenierung schlüssig. Aber die Figur hätte am Nordseestrand mit dem Kopf im Sand stecken sollen wie ein Gestrandeter – was sich wegen der Herbst- und Winterstürme als keine gute Idee herausstellte.

Naturvolkmalerei und Ethno-Kitsch Jan Hoet (1936-2014)

Idealer Ausgangspunkt für den Triennale-Parcours ist das Museum für Moderne Kunst (Mu.ZEE). Hier sieht man Tom Liekens’ »Kon-Tiki«. Ein Werk, das schon im Titel auf das Floß aller Flöße geht: Thor Heyerdahls Expeditionsfloß »Kon-Tiki«, mit dem der norwegische Abenteurer 1947 von Peru nach Polynesien segelte. Ganz bewusst hat Liekens das Bild im Stil naiver Naturvolkmalerei und Ethno-Kitsch gestaltet.

Selbstporträt auf Floß – so sieht sich Katie O’Hagan auf dem Meer. »Life Raft« (Rettungsfloß) hat die Schottin das fotorealistische Ölbild genannt und zeigt sich – wie aus dem Atelier auf dem Ozean ausgesetzt – noch mit Pinsel in der Hand.

Das Floß kann ein Wassergefährt sein oder eine Rettungsinsel, für ein Ziel oder Orientierungslosigkeit stehen – oder für etwas völlig anderes. Wie bei Oda Jaune. Die Witwe des Künstlers Jörg Immendorff (1945-2007) macht das Meer selbst zum Floß, weil Wasser Leben ist: Ein Säugling wird auf hoher See von Wellen umspült – eine Wassergeburt, wenn man so will.

Ein Boot aus 5000 Plastikflaschen

Mit Kunst am Tisch

Zur Triennale »Das Floß« servieren sechs Restaurants der Stadt ein Menü unter dem Motto »Met Kunst aan Tafel« (Mit Kunst am Tisch).

Die kulinarischen Genüsse treffen dort auf die Kunst des Triennale-Kurators Jan Fabre. Zum Abschluss des Essens erhalten die Gäste einen von Fabre entworfenen Platzteller als Sammlerstück. Fabre hat sechs Teller gestaltet. Im Bistro Mathilda gibt es als Vorspeise Aal mit Pumpernickel, Makrele mit Erbse und Minze sowie Hirschbratwurst mit Blutwurst. Es folgen Hummer mit Blumenkohl, Rinderfilet mit Champion-Risotto und Fasan auf Rotkohl. Der Preis: 89 Euro.

Außerhalb des Museums beeinflussen ungewöhnliche Orte die Wahrnehmung der Kunst. Auf dem Segelschulschiff »Mercator«, der belgischen »Gorch Fock« in Ostendes Jachthafen, hängt in der Kapitänskabine ein Kleinformat des belgischen Kunststars Luc Tuymans, das einen Seeoffizier zeigt, der etwas vom Strand aufhebt. Eine Plastikflasche ist es nicht – davon stehen genug in der Dominikanerkirche: Aus 5000 durchsichtigen Plastikflaschen hat Michael Fliri ein Boot gebaut.

Das Werk stammt aus dem Jahr 2007. Damals wollte der Südtiroler sein Fernweh zum Meer ausdrücken. Vor dem aktuellen Hintergrund von Plastikmüll und Flüchtlingskrise bekommt das Boot eine neue Bedeutung.

Die Triennale in Ostende, vor dem Zweiten Weltkrieg bevorzugte Sommerfrische deutschsprachiger Exilschriftsteller, überzeugt mit einem klaren Konzept und klasse Kunst.

Das liegt an ihrem Macher. Und Jan Fabre weiß, wem er seine Karriere auch zu verdanken hat: 1992 hatte Jan Hoet ihm auf der Documenta in Kassel die ganz große Bühne geboten. Fabre war der internationalen Kunstszene mit einer Oper aufgefallen und ist seitdem Teil von ihr. Zu seiner Arbeit in Ostende sagt der Universalkünstler: »Die aktuelle Triennale ist auch eine Hommage an Jan Hoet.«

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