Weihnachtslieder mit und ohne Religion – das gab es schon immer Stille Nacht mit Jingle Bells

Bayreuth (WB/dpa). Weihnachten ist ein religiöses Fest. Eigentlich. Doch das traditionelle christliche Weihnachtsliedgut, so scheint es, gerät ins Hintertreffen. Überall dudeln »Last Christmas« & Co. – »O du fröhliche« macht sich rar. Ist das schlimm? Kirchenmusik-Experten sehen die Sache ent­spannt: Auch Weihnachtslieder ohne Religion hat es immer gegeben.

Symbolbild.
Symbolbild. Foto: dpa

Der »unkaputtbare« Song »Last Christmas« des britischen Popduos »Wham!« von 1984 hat es in einer Umfrage zu Weihnachten 2016 zum zweitbeliebtesten Weihnachtslied nach »Stille Nacht, heilige Nacht« gebracht. Weihnachten – das Fest der Liebe. In »Last Christmas« geht es ums Gegenteil: enttäuschte Liebe. Ausgerechnet! Aber darf man überhaupt Äpfel mit Birnen vergleichen? In diesem Fall Popmusik mit traditionellen Weihnachtsliedern, nur weil beide jahreszeitlich den selben Hintergrund haben?

Der Liturgie-Wissenschaftler Guido Fuchs von der Uni Würzburg unterscheidet da klar: zwischen religiös geprägter weihnachtlicher Musik und einer Richtung, die er »Winterworld-Musik« nennt. Vom Schnee und von »Christmas« sei da die Rede, oft garniert mit dem Klingeln von Schlittenglöckchen.

Wärme, Fröhlichkeit oder auch Tanzbarkeit

Zumeist sind diese weihnachtlichen Winterlieder englischen oder amerikanischen Ursprungs. Dazu gehören bei­spielsweise die ewig populären »Jingle Bells«, die bereits gut 150 Jahre alt sind, eine Pferdeschlittenfahrt zum Inhalt haben und – obwohl nie von Weihnachten die Rede ist – so schön das Bild vom Weihnachtsmann (den es ja nur bei Coca-Cola gibt!), mit Geschenken durch den Winterwald rauschend, assoziieren.

Die Winterwelt-Musik ist vor allem eines: einträglich. Bing Crosbys »White Christmas« von Komponist Irving Berlin brachten es ab 1947 zum Status »meistverkaufte Single aller Zeiten«. »Rudolph the Rednosed Reindeer«, ursprünglich Titel eines Kindermalbuchs, wurde 1949 zum Weihnachtshit (und in den Folgejahren mehrfach zum Kinostar). Und natürlich wandelten schon lange vor »Wham!« andere Stars aus Rock, Pop und Blues den weihnachtlichen Wunsch des Publikums nach musikalischer Wärme, Fröhlichkeit oder auch Tanzbarkeit in Noten und klingende Münze um: »Rock around the Christmas Tree« von Brenda Lee (1958), »Santa Claus is Coming to Town« (eigentlich 1932) in der Version der Jackson Five (1970), von Mariah Carey (1994) und sogar nochmal 2011 von Justin Bie­ber, gehören in diese Kategorie.

Ein Klassiker dieser Art ist auch das »Winter Wonderland«: Den Song aus den 1930er Jahren nahmen unter vielen anderen Dean Martin, Elvis Presley und die Soul­königin Aretha Franklin mit auf Weihnachtstourneen.

»Liedauswahl ist enttäuschend«

Siegfried Macht, Professor für Kirchenmusik-Pädagogik an der Hochschule für evangelische Kirchenmusik in Bayreuth, unterscheidet bei der Weihnachtsmusik zwischen den Gottesdiensten und dem Privaten. Im familiären Bereich beobachte er schon den Einzug von Pop- oder Schlager-ähnlichen Liedern. In den Kirchen dagegen sei noch das traditionelle Liedgut vorherrschend: »Hier suchen viele Menschen geradezu das alte, vertraute Gefühl.« Gegen die Tradition, wenn alle Lichter gelöscht werden und »Stille Nacht« gesungen wird, hätten neue Lieder innerhalb der Kirchenmauern keine Chance.

Es würden zwar auch moderne Weihnachtslieder komponiert, sagt Macht, jedoch vergleichsweise wenige im Bereich des neuen geistlichen Liedes. Das beklagt auch sein Wissenschaftler-Kollege Fuchs. In einem Aufsatz nach Erscheinen des neuen katholischen Gotteslobs kritisierte er: »Die Liedauswahl für Advent und Weihnachten (...) ist enttäuschend. Für ein Gesangbuch aus dem Jahr 2013 hätte man etwas anderes erwartet.«

Denn gerade in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts habe sich die Sicht auf Weihnachten erneuert: Weihnachten sei ein revolutionäres Fest. Gott werde Mensch, die Erniedrigten werden erhöht, die Menschen erhielten einen Anteil an der Würde Gottes. Im Liedgut im Gotteslob zeige sich das aber nicht. »Man begnügt sich damit, an der Krippe anbetend stehenzubleiben. Der Impuls, mit der unerhörten Botschaft hinauszugehen, ja zu handeln, wurde unterdrückt.«

»In der Weihnachtsbäckerei«

Was aber wiederum nichts mit dem Nebeneinander religiöser und weltlicher Weihnachtslieder zu tun hat, die keinswegs eine moderne Erfindung sind. Das traditionelle »O Tannenbaum« kommt ebenso ohne religiöse Mo­tive aus wie »Morgen kommt der Weihnachtsmann« (1835) von Hoff­mann von Fallersleben.

Den Erfolg des eigenen ganz und gar weltlichen Liedes »In der Weihnachtsbäckerei« dage­gen bedauert der beliebte Kinderliedermacher Rolf Zuckowski fast ein wenig. »Wenn mir jemand schreibt, er könne sich Heiligabend ohne dieses Lied nicht mehr vorstellen, macht mich das traurig. Denn mit dem Heiligenabend hat das Lied überhaupt nichts zu tun.«

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