Frischer Wind um starre Hälse Gefeierte »Hexenjagd«-Premiere – Start in erste Saison der neuen Paderborner Intendantin

Paderborn (WB). Jubel, kaum enden wollender Beifall und eine überglückliche Regisseurin – besser hätte der Auftakt in die erste Spielzeit der neuen Intendantin kaum ausfallen können. Mit dem Stück »Hexenjagd« nimmt das Paderborner Theaterschiff mächtig Schwung auf.

Die Premiere im Großen Haus ist wie gewohnt ausverkauft. Doch im Publikum, das gespannt die Saisoneröffnung der Nachfolgerin von Merula Steinhardt-Unseld erwartet, sitzen diesmal überraschend viele neue Gesichter. Mit dem von Katharina Kreuzhage zu großen Teilen ausgewechselten Spielensemble geht offensichtlich auch eine kleine Veränderung im Parkett einher. Ein frischer Wind ist durchaus spürbar.

Der weht vor allem durch die Auftakt-Inszenierung der neuen Intendantin. Dabei hat sie zur Saisoneröffnung ein beklemmendes Stück aus finsterer Zeit ausgewählt, das auf den ersten Blick so gar nicht an Frische und Farbigkeit denken lässt. Im Gegenteil: die »Hexenjagd« des US-amerikanischen Autors Arthur Miller führt in das strenggläubig-puritanische Amerika des späten 17. Jahrhunderts, das in seiner archaischen Starre und unbarmherzigen Knebelung eher an das Mittelalter erinnern mag.

Arthur Miller nimmt ein historisches Ereignis, den »Salemer Hexenprozess« von 1692, zum Anlass für eine subtile Abrechnung mit der ähnlich freiheitsfeindlichen Ära des US-amerikanischen Mc-Carthy-Systems nach dem Zweiten Weltkrieg – auch dies nur ein Beispiel für die zu allen Zeiten zur Aufrechterhaltung von Regimen aller Art eingesetzte Verfolgung, Bespitzelung und Vernichtung unliebsamer kritischer oder auch nur liberal-freiheitlicher Strömungen.

Auch auf der Kammerspiel-Bühne geht es düster zu. Der nächtliche Tanz einiger Mädchen aus der Kleinstadt wird als satanisches Ritual gedeutet, nachdem zwei der Jugendlichen merkwürdige Anfälle bekommen haben. In der strenggläubigen Bürgerschaft ist man schnell davon überzeugt, dass hier nur der Teufel seine Hand im Spiel und die Mädchen »verhext« haben könne. Die Suche nach dem Antichristen eskaliert zu einem religiös verbrämten, unbarmherzig geführten Tribunal gegen die Beteiligten, an dessen Ende die »Geständnisse« Unschuldiger stehen.

Das perfide Machtspiel um die vermeintliche Entlarvung des Teuflischen, das mit seiner raffinierten Mischung aus Einschüchterung, Drohung und Erpressung selbst diabolische Züge trägt, wird von der Regisseurin stringent vor Augen geführt. Bruchlos und ohne modische Mätzchen konzentriert sie sich in den vier düsteren Akten auf Text und Handlung. Das nur scheinbar zeitferne Drama wird glaubwürdig und nachvollziehbar entwickelt und spannend erzählt. Die Kostüme der Puritaner mögen überholt und altväterlich wirken – deren Verhörmethoden erinnern an die Gestapo und die Stasi, ihr perfektioniertes Überwachungssystem an die modernen Geheimdienste.

Die Darsteller – zum Auftakt steht das komplette Spielensemble auf der Bühne – agieren erfreulich homogen. Nichts deutet darauf hin, dass Kräfte aus zwei Theatern – Paderborn und Aalen – zu einer neuen Einheit verschmolzen werden mussten. Alles wirkt schlüssig und harmonisch. Lediglich mit den neuen Dimensionen im großen Haus der Kammerspiele müssen sich manche Neu-Paderborner noch vertraut machen – bisweilen wurde arg leise gesprochen.

In dem durch junge Statistinnen aus den Kammerspiel-Theaterclubs verstärkten 19-köpfigen Spielensemble vermag sich vor allem der aus dem alten »Stab« übernommene David Lukowczyk prägnant in Szene zu setzen. Ihm gelingt eine glänzende Verkörperung des Ehebrechers John Proctor, der sich am Schluss selbst des Paktes mit dem Teufel bezichtigt, um dem Hexenwahn in der Stadt ein Ende zu setzen. Von den neuen Mitgliedern im Ensemble hinterlassen zuvorderst Natascha Heimes (Abigail), Kirsten Potthoff (Rachel), Alexander Wilß (Pastor Parris), Stephan Weigelin (Pastor Hale) sowie Thomas Cermak (Richter) den nachhaltigsten Eindruck.

Zeittypische Kostüme (Katrin Wolfermann) und ein schlichtes, suggestiv die Handlung rahmendes Bühnenbild (Ariane Scherpf) stützen eine rundum gelungene und trotz der Länge von zweieinhalb Stunden nicht ermüdende Inszenierung, die vom Premierenpublikum mit lang anhaltendem Beifall belohnt wurde.

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