Appell gegen neuen Rassismus
Merkel in Auschwitz: Wir dürfen niemals vergessen

Zum ersten Mal in ihrem Leben besucht Angela Merkel das ehemalige deutsche Konzentrationslager Auschwitz. Sie wirkt tief beeindruckt. Und findet unmissverständlich klare Worte.

Freitag, 06.12.2019, 16:57 Uhr aktualisiert: 06.12.2019, 17:00 Uhr
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Mateusz Morawiecki, Ministerpräsident von Polen, verneigen sich nach einer Kranzniederlegung im ehemaligen deutschen Konzentrationslager Auschwitz. Foto: Robert Michael

Oswiecim (dpa) - Angela Merkel rückt die Schleife an dem Kranz aus schwarz-rot-goldenen Rosen zurecht. Sie tritt etwas zurück und faltet die Hände. Dann schließt sie die Augen.

Mit versteinert wirkendem Gesicht steht die deutsche Bundeskanzlerin neben dem polnischen Ministerpräsidenten Mateusz Morawiecki vor der Todeswand im ehemaligen deutschen Konzentrationslager Auschwitz. Hier wurden Tausende von den Nazis erschossen, Gnade gab es nicht. Deutsche haben an diesem Schreckensort unauslöschliche Schuld auf sich geladen. Selten erlebt man Merkel so bewegt.

Es ist der erste Besuch Merkels in Auschwitz, auch vor ihrer Kanzlerschaft war sie nicht hier. Ganz in Schwarz gekleidet, ohne Handschuhe und Schal, geht sie bei Temperaturen um den Gefrierpunkt mit Morawiecki durch das frühere Stammlager I.

Gemeinsam schreitet sie mit dem Direktor der Gedenkstätte und Präsidenten der Stiftung Auschwitz-Birkenau, Piotr Cywinski, durch das Tor mit dem weltbekannten zynischen Schriftzug «Arbeit macht frei». Morawiecki erklärt der Kanzlerin mit spärlichen Gesten die Szenerie. Merkel hört meist schweigend zu. Es sind Stunden der Demut für die Deutsche.

Die Kanzlerin dürfte froh sein, dass Morawiecki sie auf dem schweren Gang begleitet. Dass er dabei ist, mag etwas Sicherheit geben, dass eine deutsche Kanzlerin auch wirklich willkommen ist am Ort der von Deutschen verübten Gräuel. Vergessen werden die Untaten von damals nie werden - immer wird es ein besonders sensibles Verhältnis zwischen beiden Staaten bleiben.

In der Rede zum zehnten Gründungsjahr der Stiftung Auschwitz-Birkenau findet Merkel bewegende Worte - und auch sehr klare. Es falle ihr alles andere als leicht, als deutsche Bundeskanzlerin in Auschwitz zu sprechen, beginnt sie. «Ich empfinde tiefe Scham angesichts der barbarischen Verbrechen, die hier von Deutschen verübt wurden. Verbrechen, die die Grenzen alles Fassbaren überschreiten.» Vor Entsetzen über das, was Frauen, Männern und Kindern an diesem Ort angetan worden sei, «muss man eigentlich verstummen».

Doch so schwer es an diesem Ort, der wie kein anderer für das größte Menschheitsverbrechen stehe, auch falle: «Schweigen darf nicht unsere einzige Antwort sein», sagt Merkel dann. Auschwitz verpflichte, die Erinnerung an die dort begangenen Verbrechen wach zu halten. Sich als Deutsche der Verantwortung für diese Taten bewusst zu sein, «ist fester Teil unserer nationalen Identität». Die unantastbare Würde des Menschen, Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit - «so kostbar diese Werte auch sind, so verletzlich sind die auch».

Deswegen müssten diese Werte immer wieder verteidigt werden, fordert Merkel - und kommt auf die Gegenwart zu sprechen. In diesen Tagen sei dies keine Rhetorik, sagt die Kanzlerin. «Wir erleben einen Besorgnis erregenden Rassismus, eine zunehmende Intoleranz, eine Welle von Hassdelikten.» Es gebe einen «Angriff auf die Grundwerte der liberalen Demokratie und einen gefährlichen Geschichtsrevisionismus». Sehr klar müsse deswegen gesagt werden: «Wir dulden keinen Antisemitismus.»

Dann kommen die zentralen Sätze. «Wir dürfen niemals vergessen. Einen Schlussstrich kann es nicht geben. Und auch keine Relativierung», mahnt Merkel eindringlich. Und sie schließt mit den Worten: «Ich verneige mich vor den Opfern der Schoa, ich verneige mich vor ihren Familien. Vielen Dank, dass ich heute hier dabei sein darf.»

Merkel schreibt auch in das Besucherbuch der Gedenkstätte ihre zentrale Botschaft: «Auschwitz steht für den millionenfachen Mord, den Deutsche an Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma sowie unzähligen Menschen aus ganz Europa begangen haben, unter ihnen besonders viele Opfer aus Polen. Unsere Verantwortung ist und bleibt es, diesen Ort der Nachwelt zu erhalten: zum trauernden Gedenken an die Millionen Einzelschicksale und als immerwährende Mahnung, die Würde des Menschen zu achten und zu schützen.» Klarer geht es kaum.

Warum die Kanzlerin, die nie Zweifel an der besonderen Verantwortung Deutschlands für die Schoah gelassen hat, erst im 14. Amtsjahr Auschwitz besucht, wird wohl ihr Geheimnis bleiben. Mag sein, dass es sich vorher einfach nicht ergeben hat. Zu den Jahrestagen der Befreiung des Lagers reisen meist die Bundespräsidenten. Vor ihr waren die Kanzler Helmut Schmidt (SPD) und Helmut Kohl (CDU) hier.

Merkel nimmt sich Zeit für den Besuch - es ist keine Hetzerei wie sonst oft bei ihren Auslandsbesuchen. Gut vier Stunden lang lässt sie sich in Auschwitz Baracken zeigen, in denen Juden und andere Häftlinge leiden mussten. Besonders ergreifend sind die Eindrücke in Baracke 5, wo persönliche Dinge der Opfer zu sehen sind. Kinderspielzeug, Schuhe, Reste der den Opfern von ihren Peinigern abgeschnittenen Haare. Auch offene Dosen sind in diesen Blocks ausgestellt. In ihnen lagerte das tödliche Giftgas Zyklon B, mit denen Zigtausende in den Gaskammern ermordet wurden.

Merkel geht auch zu den Ruinen der Gaskammern und des Krematoriums II von Auschwitz-Birkenau. Die Verbrennungsöfen dort hatten jeweils drei Brennkammern. Nach Aussagen des 1947 in Auschwitz gehängten früheren Lagerkommandanten Rudolf Höß war es möglich, hier an einem Tag etwa 2500 Leichen zu verbrennen.

Fast am Ende ihres Besuchs hält die Kanzlerin an der berüchtigten «Rampe» inne. Dort kamen die Züge mit Deportierten aus ganz Europa an, dort entschieden die Nazis bei der grausamen Selektion über sofortigen Tod oder vorläufiges Weiterleben. Es ist schneidend kalt, als sich die Kanzlerin einen der alten Waggons zeigen lässt, in denen die Opfer damals nach Auschwitz gebracht wurden. Wie hatte sie vorher gesagt: «Wir dürfen niemals vergessen.»

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