Zehn Jahre nach dem großen Beben: Paderborner Biohaus hilft mit Solaranlage
Haitis Verzweiflungsruf aus dem Chaos

Port-au-Prince/Paderborn (WB). Ein Jahrzehnt nach dem schweren Erdbeben steht Haiti erneut vor dem Kollaps. „Ein Drittel der elf Millionen Einwohner hat nicht genügend zu essen. Es gibt kaum noch Treibstoff. Auf den Straßen brennen die Barrikaden“, beschreibt SOS-Kinderdörfer-Chef Celigny Darius das politische Beben. Am bevorstehenden zehnten Jahrestag der Katastrophe erwarten Beobachter einen Verzweiflungsruf aus dem Chaos.

Donnerstag, 09.01.2020, 05:00 Uhr aktualisiert: 09.01.2020, 07:33 Uhr
Erst Zerstörung, dann Mangel: Nach dem Erdbeben im Januar 2010 waren Hunderttausende obdachlos. Es fehlte an allem, selbst an Wasser, das in kleinsten Beuteln verteilt wurde. Foto: Reinhard Brockmann
Willi Ernst ist Gründer der Paderborner Biohaus-Stiftung.

Willi Ernst ist Gründer der Paderborner Biohaus-Stiftung. Foto: Reinhard Brockmann

Schreie aus dem Slum

12. Januar 2010, 16.53 Uhr Ortszeit: Ihr Haus schwankt zwei Meter hin und her. Yanick Lahens (66) eilt mit einem Kind auf dem Arm unter einen Türrahmen, als das verheerendste Beben des 21. Jahrhunderts mindestens 220.000, vielleicht sogar 300.000 Menschen tötet. „Danach hörte ich Schreie aus dem Slum gegenüber“, erinnert sich die Schriftstellerin an den Tag, von dem sich der kleine Karibik-Staat zwischen Dominikanischer Republik und Kuba bis heute nicht erholt hat. Lahens: „Der ganze Skandal der Armut wurde weltweit sichtbar.“

Holzkreuze verwittern

Die Holzkreuze über den Massengräbern an der Müllküste vor Port-au-Prince verwittern, aber das Trauma ist geblieben. Das Beben mit einer Stärke von 7,0 macht in der Hauptstadt und dem dicht besiedelten Umland 1,8 Millionen Menschen obdachlos.  Billigbauten stürzen wie Kartenhäuser zusammen. Berghänge mit Hunderten von Hütten rutschen ab. Fahrzeuge mit defekten Stoßdämpfern schaukeln sich so stark auf, dass sie Meter hoch in die Luft fliegen. In der Straße nach Leogane, wo 90 Prozent aller Gebäude zerstört sind, markieren knietiefe Spalten den Riss in der Erdkruste.

Bei einem der vielen Nachbeben acht Tage später erreicht die Magnitude noch einmal den Wert von 6,1. Dabei sackt ein Küstenstreifen vor Petit-Goâve gut einen Meter durch. Schlafende Fischerfamilien ertrinken in ihren Hütten. Wer kann, wie Odanette (damals 18) mit ihrem Baby, rettet sich auf den Hügel am Fort Liberté. Darüber, wie es war, als der Boden verschwand und das Wasser kam, mag die junge Mutter auch Wochen danach nicht sprechen. Zu viele Verwandte seien tot, sagt sie. Dann versagt die Stimme.

Hilfe aus Ostwestfalen

Weltweit setzt eine beispiellose Welle der Hilfsbereitschaft ein. In Ostwestfalen gründet sich neben vielen anderen das „Bündnis Bielefeld hilft“. Die Paderbornerin Michaela Büttner startet den Aufruf, jeder Bürger möge einen Euro geben. Tatsächlich kommen in beiden Städten jeweils sechsstellige Spendensummen zusammen.

Zehn Jahre später ist die Infrastruktur wieder hergestellt. Schulsystem, Straßen und die Digitalisierung zeigen echte Fortschritte. Zeichen gesetzt hat auch Willi Ernst, Gründer der Paderborner Biohaus-Stiftung. Das „Solar Smart Grid-Projekt“ in Tabarre steht mit 700 kW Solarpower für die größte und modernste Anlage des Landes. Die 2014 gestartete Ausbildung von Solartechnikern führte zu weiteren „Mini-Grids“. Das sind Insellösungen zur nachhaltigen Energieversorgung in dem stark zerklüfteten Land.

Paderborner Engagement bis heute

Das Paderborner Engagement hält bis heute an. „Gute Freunde lässt man nicht hängen“, sagt Willi Ernst. In der massiven Kritik an der Regierung sieht er auch den Willen der Haitianer, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen.

Politisch steht die Regierung vor einem Desaster. Seit Monaten fordern vor allem junge Menschen den Rücktritt von Präsident Jovenel Moïse. Sie werfen der Regierung vor, bis zu vier Milliarden US-Dollar aus dem Petrocaribe-Programm veruntreut zu haben. Darüber hatte Haiti von 2006 bis 2016 Erdöl aus Venezuela fast zum halben Preis erhalten, um den Staat wieder aufzubauen.  Auf Druck der Straße musste der Rechnungshof jetzt bestätigen, dass die Aufträge unter anderem an eine frühere Firma von Präsident Moïse gingen und bezahlt, aber nie ausgeführt wurden.

Cholera, Slums, Hurricans

Claudette Coulanges, die für die Biohaus-Stiftung auf Haiti Infrastruktur aufbaut, sagt mit Blick auf die vergangenen zehn Jahre: „Die Haitianer haben resigniert. Sie sind überfordert mit den vielen Ereignissen seit dem Erdbeben.“ Cholera, noch mehr Slums, Hurricans und viel Geld, das bei den Ärmsten der Armen nie ankam, haben das Jahrzehnt geprägt.

Die Demonstranten verlangen inzwischen den Rücktritt aller Politiker aller Parteien, weil sie sich vom gesamten System verraten fühlen. Entwicklungshelferin Coulanges hält den Ruf nach einem totalen politischen Neuanfang für nachvollziehbar: „Denn neben dem Skandal um die Petrocaribe-Milliarden, in den der heutige Präsident verstrickt ist, gibt es viele andere Fälle von Korruption. Vor allem: Die meisten Politiker tun einfach nichts und erfüllen ihre Aufgaben nicht.“

Odanette (18) mit ihrem 14 Monate alten Baby Manjapama Fontin: Sie rettete sich auf einen Hügel. Der Küstenstreifen mit ihrer Hütte war im Meer versunken. Später stand ihre Geschichte im Blickpunkt der Aktion „Bielefeld hilft“.

Odanette (18) mit ihrem 14 Monate alten Baby Manjapama Fontin: Sie rettete sich auf einen Hügel. Der Küstenstreifen mit ihrer Hütte war im Meer versunken. Später stand ihre Geschichte im Blickpunkt der Aktion „Bielefeld hilft“. Foto: Reinhard Brockmann

Spätfolgen der Katastrophe von 2010

Die Tatsache, dass es im Herbst wochenlang kein Benzin gab, die Schulen Monate lang geschlossen waren und Lebensmittel nicht mehr in die Städte kamen, sind für sie auch Spätfolgen der unbewältigten Katastrophe von 2010. „Die Konservativen wie Michel Martelly haben das schlechte Management von Präsident Preval nach dem Erdbeben ausgenutzt und sind so 2011 an die Macht gekommen.“ Auch die wirtschaftlichen Folgen des Erdbebens seien ganz klar: „Die Bevölkerung ist noch ärmer geworden, während sich korrupte Politiker die Taschen vollstopfen.“

Wut auf den Straßen kann jederzeit wieder ausbrechen

Landeskennerin Katja Maurer von Medico International sieht eine Mitverantwortung der westlichen Geberstaaten: “Zehn Jahre nach dem verheerenden Erdbeben ist die so genannte Stabilisierungspolitik der internationalen Gemeinschaft sichtbar gescheitert.“ Die westliche Welt habe eine Regierung installiert, die für Ruhe sorgen und den Status Quo erhalten sollte. Gleichzeitig habe man sich aus der humanitären und entwicklungspolitischen Unterstützung der Zivilgesellschaft weitestgehend zurückgezogen.

Zum Jahresbeginn hat sich die Lage beruhigt. Die Menschen sind viel zu sehr mit der Sicherung des eigenen Überlebens befasst. Allerdings kann die Wut auf den Straßen jederzeit wieder ausbrechen, wenn die Welt am 10. Jahrestag des Erdbebens auf Haiti schaut. Der seit Monaten unsichtbare verhasste Präsident Moïse muss sich dann zeigen – und die Frage beantworten, wo die veruntreuten Milliarden geblieben sind.

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