Postkarten eines Pioniers
Wie ein Fotograf das Mallorca-Bild prägte

Josep Planas war einer der Pioniere der Fotografie auf Mallorca. Er prägte das Insel-Bild der Deutschen wie kein Zweiter. Sein Archiv birgt wahre Schätze – und doch droht ihm der Verfall.

Sonntag, 05.01.2020, 14:52 Uhr aktualisiert: 05.01.2020, 14:56 Uhr
Marina Planas, Enkelin des Fotografen Josep Planas i Montanya, zeigt eine Fotografie ihres Großvaters aus dem Jahr 1967. Foto: Clara Margais

Palma (dpa) - Auf der Rückseite der vergilbten Karteikarte ist minutiös festgehalten, wie viele Exemplare der Postkarte pro Monat verkauft wurden: 13.069 Mal ging das Bild von zwei Urlauberinnen, die an einem Strand Mallorcas auf einem Kamel reiten, im Jahr 1967 über den Ladentisch.

Dabei ist dieses Foto nur eines von mehr als 18.000 Postkarten-Motiven, die der Fotograf Josep Planas seit den 1950er Jahren gefertigt hat. Aufbewahrt werden sie in einem riesigen Archiv.

Mit seiner Arbeit hat der gebürtige Katalane Planas (1924-2016) das Mallorca-Bild der Deutschen entscheidend mitgeprägt. Er knipste Hotels und Strände, Touristen und Einheimische, die er dafür eigens in die folkloristische Inseltracht steckte. Dass er mit seinen Postkarten, die um die Welt gingen, den touristischen Boom befeuerte, kam ihm und seinem Geschäft anfangs sehr gelegen. «Damals gab es keine Kritik am Tourismus, er war der Weg aus der Armut», sagt Planas Enkelin Marina. Man habe sich nicht vorstellen können, welche Auswüchse das Geschäft mit den Urlaubern später annehmen würde.

Im Vergleich zu den anderen Beständen in dem Archiv ist der Umfang der Postkarten-Motive dabei geradezu bescheiden: Rund drei Millionen Negative, Kontaktabzüge und Fotos stapeln sich in den Räumlichkeiten in der Avinguda de Sant Ferran 21 in Palma. In dem abseits der Altstadt gelegenen Wohnviertel befand sich einst der Sitz des Planas-Imperiums, das in seiner Glanzzeit aus 15 Fotoläden bestand.

Heute verwaltet Marina Planas die Räumlichkeiten. Sie führt durch das Archiv und öffnet eine der unzähligen Schubladen. Heraus strömt ein miefiger Geruch nach altem Papier. «Das müsste alles katalogisiert werden», sagt sie und berichtet resigniert von den vergeblichen Versuchen, bei der Inselregierung finanzielle Unterstützung für die Bewahrung von Planas' Erbe aufzutreiben.

Die Passivität der öffentlichen Hand ist auch für Mallorca-Kenner Holger Lüttgen völlig unverständlich: «Das ist ein einzigartiger Schatz, ein wunderbares Vermächtnis, das Planas hinterlassen hat», sagt der Wahlkölner, der vor vier Jahren einen Bildband mit Aufnahmen des Fotografen herausgegeben hat. Der Titel des Werkes ist Programm: «Mallorca Clásica - Die Insel, wie sie keiner mehr kennt».

Tatsächlich führen die Motive des seit 1945 auf Mallorca lebenden Planas vor Augen, wie sehr sich Mallorca durch den Massentourismus verändert hat. Dass etwa die Playa de Palma - das unangefochtene Lieblingsziel deutscher Urlauber und heute Synonym für Ballermann und Sauftourismus - im Jahr 1950 noch ein vollkommen jungfräulicher Küstenstreifen war, ist heute kaum noch vorstellbar. Aber Planas' Schwarz-Weiß-Aufnahmen sind der Beweis.

Das Bild des unberührten Strandes ist auch deshalb so besonders, weil es aus der Vogelperspektive aufgenommen wurde. Denn Planas war seiner Zeit in vieler Hinsicht voraus. So kaufte er sich schon in den 50er Jahren einen Hubschrauber für Luftaufnahmen, zu einer Zeit, als nicht einmal die Guardia Civil einen eigenen Helikopter hatte. Ein halbes Jahrhundert vor den Kameraautos von Google Street fotografierte er zudem bereits die Straßen Palmas mit einem auf dem Dach seines Lieferwagens installierten Stativ.

«Die Innovation und der Fortschritt in Sachen Fotografie kamen auch durch die Bildungsreisen meines Großvaters nach Deutschland auf die Insel», erzählt Marina Planas. Bei Agfa in München erlernte ihr Großvater die Techniken der Farbfotografie und gestaltete dann seine Labore eins zu eins nach dem Schema, das er dort gesehen hatte.

In Deutschland freundete er sich auch mit dem Schauspieler Gustav Fröhlich (1902-1987) an. Der Star aus Fritz Langs «Metropolis» besuchte ihn später häufig auf der Insel. Auch andere Berühmtheiten, die sich zu Beginn des Tourismusbooms auf Mallorca tummelten, lichtete Planas ab. Mit Erroll Flynn verbrachte er feuchtfröhliche Nächte, im Haus des spanischen Künstlers Joan Miró ging er ein und aus. Dessen Atelier in Palma wurde im vergangenen Jahr wieder in seinen Originalzustand versetzt – anhand eines Fotos von Planas.

«Josep Planas ist der Fotograf unseres kollektiven Gedächtnisses», schrieben die Kunsthistoriker Maria-Josep Mulet und Miguel Seguí Aznar in dem 2005 erschienenen Bildband «Fotografie und Tourismus auf den Balearen»: Sein Werk gehöre «zweifellos zum dokumentarischen und künstlerischen Erbe der Insel.»

Enkelin Marina hat die «Casa Planas» mittlerweile in ein Kulturzentrum verwandelt, um so die Unkosten für den Erhalt des früheren Firmensitzes wenigstens annähernd zu decken. Das Archiv wird so zumindest für künstlerisches Schaffen genutzt: Seit März arbeitet das Zentrum mit dem Goethe-Institut Barcelona zusammen. Dank Stipendien des deutschen Kulturvereins konnten im November drei Künstler kreative Projekte rund um das Archiv verwirklichen.

Die beim Inselrat von Mallorca zuständige Kulturabteilung gibt sich derweil in Bezug auf den Erwerb oder Erhalt des Archivs ausweichend: «Dafür gibt keine öffentliche Förderlinie», sagte eine Sprecherin der Deutschen Presse-Agentur, verwies aber gleichzeitig auf rund 28 000 Euro, die Casa Planas 2019 für konkrete Projekte erhalten habe.

Die Hoffnung, dass die gesammelten Fotografien eines Tages doch noch professionell erfasst und für die Nachwelt zugänglich gemacht werden, hat Marina Planas aber noch nicht aufgegeben. Wenn die Verwaltung nicht bald tätig werde, will sie bei den Insel-Hoteliers nach Investoren suchen. Auch Holger Lüttgen ist sich sicher, dass eine Ausstellung von Planas' Schaffen nicht nur für Einheimische, sondern vor allem für Urlauber interessant wäre.

Schließlich haben seine Mallorca-Postkarten schon vor Jahrzehnten bei vielen die Sehnsucht nach der Baleareninsel keimen lassen. Dieser Verantwortung war sich der Fotograf offenbar bewusst: Wenn er in seinen letzten Lebensjahren über die Insel gefahren wurde, dann murmelte er seiner Enkelin zufolge beim Blick aus dem Autofenster: «Was haben wir nur gemacht? Wir haben alles zerstört!» Was bleibt ist die Hoffnung, dass dank Planas' fotografischem Vermächtnis wenigstens die Erinnerung weiterlebt - daran, wie Mallorca einmal war.

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