Volkskundler: Bier sollte einst gegen die »Branntweinpest« helfen
»Tranck des gemeinen Volkes«

Münster (WB). Den Brauereien geht’s derzeit nicht besonders gut, der Absatz schwächelt. Dabei hat kaum ein anderes Getränk Westfalen-Lippe so nachhaltig geprägt wie das Bier.

Freitag, 02.08.2019, 04:00 Uhr
Dieses Bild der Herforder Brauerei zeigt die Flaschenabfüllung im Jahr 1927. Foto: Herforder Brauerei

Anlässlich des internationalen Tags des Bieres an diesem Freitag haben die Volkskundler des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) im Archiv gewühlt. Und siehe da: Der niederländische Kartograf Gerhardus Mercator beschrieb Bier in Westfalen schon im 16. Jahrhundert als »Tranck des gemeinen Volkes«. In fast jedem Haushalt, so formuliert es Kathrin Schulte von der Volkskundlichen Kommission des LWL, wurde Bier gebraut – und nicht unbedingt aus Gründen des Genusses. »Damals ging in erster Linie darum, dass Brunnenwasser trinkbar zu machen«, erklärt ihr Kollege Thomas Schürmann. »Und man wollte natürlich ein nahrhaftes Getränk haben.« Denn der Wein blieb der vornehmen Gesellschaft vorbehalten.

Bierbrauen war Frauenarbeit

Die Qualität der Biere sei damals sehr unterschiedlich gewesen, erklären die Volkskundler. »Bierbrauen war bis ins 20. Jahrhundert hinein Haus- und damit Frauenarbeit«, sagt Kathrin Schulte. In jedem Haus habe es vermutlich ein eigenes Rezept gegeben, das von Mutter zu Tochter weitergegeben worden sei.

Noch bis ins 20. Jahrhundert hinein hätten Landarbeiter das selbstgebraute Bier als Durstlöscher während der Ernte auf den Feldern bekommen. Der Alkoholgehalt sei im Vergleich zu heutigen Bieren vermutlich aber deutlich geringer gewesen. Auch auf dem Bau gehörte den Volkskundlern zufolge der Gerstensaft lange zum guten Ton. So sei ein Fall aus Münster dokumentiert, bei dem 1959 das Dach einer Doppelhaushälfte repariert wurde: Weil ein Hausherr vergessen habe, die Handwerker mit Bier zu entlohnen, hätten die Dachdecker ihm eine mit folgendem Spruch versehene Dachpfanne gebracht: »Hier steht der Bau in seiner Pracht, die Dachdecker haben ihn rot gemacht. Als alter Brauch u. Sitte, haben wir eine Bitte: Bier.«

Bier als »Rettung« vor stärkerem Alkohol

Heute wäre das – allein aus arbeitsrechtlichen Gründen – kaum denkbar. Dabei galt Bier nach Angaben der Volkskundler zwischenzeitlich sogar als »Rettung« vor stärkeren Alkoholika. Denn zu Beginn des 19. Jahrhunderts sei vor allem mehr Schnaps konsumiert worden – und habe die entsprechend unschönen Begleiterscheinungen mit sich gebracht. Um der »Branntweinpest« Einhalt zu gebieten, habe sich die Preußische Regierung in Berlin zum Handeln gezwungen gesehen. »Sie strebte die Verbesserung der Bierversorgung an, um den Schnaps zu verdrängen«, erklärt Schulte.

So sei zum Beispiel in Münster angefragt worden, wie es um die Bierqualität in der Stadt bestellt sei. 1836 habe der damalige Oberbürgermeister, Joseph von Münstermann, geantwortet, dass die Qualität durchaus zufriedenstellend sei. Der übermäßige Konsum von Branntwein sei eher auf die geringen Preise für Schnaps und die vergleichsweise hohen für Bier zurückzuführen.

13,4 Millionen Kästen Bier weniger verkauft

Die Bedeutung des Bieres in Westfalen war im vergangenen Jahrhundert eng mit dem Schicksal der Kumpel in den Zechen des Ruhrgebiets verknüpft. Mit dem Sterben des Bergbaus schrumpfte auch die Bierkultur. »Es hat eine Art De-Industrialisierung stattgefunden«, sagt Schürmann. Das klassische Arbeitermilieu habe sich aufgelöst. Auch insgesamt wird weniger Bier getrunken: Die Brauindustrie hat nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Vergleich zum Vorjahreszeitraum 13,4 Millionen Kästen Bier weniger verkauft. »Bis April war die Welt für die deutschen Brauer noch in Ordnung, bevor die Absätze in den Keller gingen«, sagt Veltins-Chef Michael Huber.

Schürmann beobachtet zwei Trends: Einerseits konzentriere sich der Getränkemarkt immer stärker. Andererseits gelte es als schick, ein individuelles »Craftbeer« im eigenen Keller zu brauen. Ganz so wie früher.

Kommentare

Günni  wrote: 02.08.2019 11:52
Schrieb man im 16. Jahrhundert "Trank" mit ck ?

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