60 Jahre Autobahnkirche: Gotteshaus in Exter war die erste dieser Art
Stille am Rand der Autobahn

Vlotho (epd). Schnellen Schrittes geht der Mann zu dem Gestell mit den Kerzen, zündet ein Licht an, setzt sich in die hinterste Kirchenbank. Und hält inne. Ein paar Augenblicke später steht er wieder auf und verlässt die Autobahnkirche in Vlotho-Exter (Kreis Herford) – ebenso schnell, wie er gekommen ist.

Sonntag, 07.07.2019, 11:40 Uhr aktualisiert: 07.07.2019, 16:54 Uhr
Die Autobahnkirche in Exter.
Ort zum Innehalten.

Ort zum Innehalten. Foto: Jürgen Gebhard

»Besucher bleiben hier selten länger als zehn Minuten«, sagt der Gemeindepfarrer von Exter, Ralf Steiner. Sie suchten einen Moment der Stille und Besinnung, bevor sie wieder in das hektische Getriebe auf der Straße eintauchen. Die 1665 errichtete Dorfkirche von Exter wurde vor 60 Jahren zur ersten evangelischen Autobahnkirche bestimmt.

Insgesamt 44 Standorte gehören aktuell zum Netz der Autobahnkirchen in Deutschland. Am Sonntag machten sie wie jedes Jahr seit 2004 zur Hauptreisezeit mit einem Aktionstag auf sich aufmerksam. Das ZDF sendete seinen Fernsehgottesdienst live aus der Kirche von Exter, die rund 500 Meter von der Abfahrt Vlotho-West entfernt an der A 2 zwischen Bielefeld und Hannover liegt.

Älteste Kirche steht bei Augsburg

Nur eine deutsche Autobahnkirche ist noch älter: Die katholische »Maria, Schutz der Reisenden« im bayerischen Adelsried bei Augsburg an der A 8 wurde 1958 eingeweiht. Doch die Idee stamme eigentlich aus Exter, erzählt Pastor Steiner: Schon Anfang der 1950er Jahre habe sein Amtsvorgänger Wilhelm Gröne vorgehabt, die damals von der Autobahn weithin sichtbare Kirche in der Dunkelheit beleuchten und Wegweiser an der Schnellstraße aufstellen zu lassen. 1959 wurde Exter dann von der westfälischen Landeskirche als »evangelisches Gegenstück« zum katholischen Adelsried auserkoren und an Christi Himmelfahrt ihrer zusätzlichen Bestimmung als Autobahnkirche gewidmet.

Heute gebe es 19 evangelische, acht katholische und 17 ökumenisch ausgerichtete Autobahnkirchen, sagt Birgit Krause von der Akademie der Versicherer im Raum der Kirchen. Die Akademie sorgt seit den 90er Jahren für die Vernetzung der Kirchen und Kapellen an den Autobahnen und veranstaltet deren jährliche ökumenische Konferenz.

Den heutigen Besuchern sei die konfessionelle Ausrichtung einer Autobahnkirche nicht mehr wichtig, sagt Krause. Und auch Konfessionslose finden den Weg - so wie Ulla, die auf dem Weg von Berlin ins Rheinland den »Rastplatz für Körper, Seele und Geist« angesteuert hat, wie sie ins Gästebuch schrieb: »Wir kommen immer so gerne hierher, auch als Nicht-Gläubige.«

Wie auch in den anderen Kirchen an den Autobahnen gebe es in Exter viele »Stammgäste«, berichtet Steiner. Im Gegensatz zu den regulären Sonntagsgottesdiensten sei in den Autobahnkirchen über die Jahrzehnte die Zahl der Besucher stetig gewachsen. »Das ist auch nicht verwunderlich«, sagt der Pastor, »die Menschen sind ja immer mobiler geworden und halten sich weniger in ihren Ortsgemeinden auf«.

1,1 Millionen Besucher jährlich

Bei der jüngsten Autobahnkirchenkonferenz habe man eine jährliche Besucherzahl von bundesweit etwa 1,1 Millionen Menschen errechnet, sagt Krause. Die Zahlen schwankten jedoch stark: Von rund 2.000 in der Dorfkirche von Werbellin in Brandenburg bis zu mehr als 200.000 in der St. Christophoruskirche am Rasthof Baden-Baden. Exter sortiert sich mit etwa 30.000 Gästen im Jahr im Mittelfeld ein.

Pastor Steiner empfindet es trotz des Mehraufwands für die Gemeinde als Segen, dass die kleine Kirche durch ihre Zusatzaufgabe weit über Ostwestfalen hinaus bekannt ist: »An sieben Tagen die Woche herrscht hier geistliches Leben.« Die Besucher spürten, dass hier über Jahrhunderte Menschen gebetet hätten, sagt er. Und sie schätzten, dass die Autobahnkirche zugleich eine lebendige Gemeindekirche sei.

Blickfang im weiß getünchten Kirchenschiff ist der Altarbogen mit einer Inschrift aus dem Matthäusevangelium (Kapital 11, Vers 28): »Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.« Dahinter grüßt in dem farbigen Rundfenster ein freundlicher Christus mit blauen Augen. Ein Taufengel »schwebt« unter der Decke - die Figur spreche viele Besucher als Symbol für den Schutz Gottes besonders an, sagt Steiner.

Besucher bitten in der Kirche oft um Schutz vor den Gefahren des Straßenverkehrs, wie aus vielen Einträgen im Anliegenbuch hervorgeht. »Danke Herr für die unfallfreien Fahrten, und dass mich mein neues Auto auch weiterhin gut begleitet und mich gesund ankommen lässt«, schreibt ein Fahrer. Andere Gäste vertrauen Gott ihre Sorge um liebe Menschen an: »Bitte helfe meiner Tochter, wieder gesund zu werden. Und gib uns, der Familie, die Kraft, die wir so dringend brauchen.«

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