Deutschlands älteste Station stand fast 95 Jahre in Essen – Jetzt ist sie Geschichte
Letzter Tankstopp mit Nostalgie

Essen (dpa). Am letzten Tag von Deutschlands wohl ältester Tankstelle stellt Tankwart Manfred Milz verschmitzt fest: »Ich wusste, dass ich beliebt bin, aber so dermaßen?« Die »Tanke« in einem Hinterhof in Essen hat nach 95 Jahren am Freitag ihren Betrieb eingestellt. Mehr als ein halbes Jahrhundert war Milz hier der Mann für alles. Das ist nun vorbei und man merkt: Der Abschied von diesem Stückchen Nostalgie tut vielen weh. Sie beweisen es mit einem letzten Tankstopp.

Samstag, 01.06.2019, 03:00 Uhr
Auf der Hinterhoftankstelle von Tankwart Manfred Milz parkt ein VW Käfer von 1958 zum Betanken ein. Foto: dpa

Manni, wie ihn hier fast alle nennen, schüttelt Hände, nimmt Blumen, Flaschen, Geschenke und Grußkarten entgegen. Sie stapeln sich in dem kargen Verkaufsraum, der wie aus der Zeit gefallen erscheint. Zwischendurch muss er immer wieder Tanks befüllen und Scheiben putzen. Die Zapfsäulen waren stets absichtlich so eingestellt, dass sie langsam laufen. So blieb mehr Zeit für ein Schwätzchen. Der Bau mit dem einfachen Tankstellendach, den Werkstattschuppen und alten Garagen könnte als Kulisse für einen Film über vergangene Jahrzehnte dienen. »So was gibt es ja sonst gar nicht mehr« und »Der Manni, der ist ‘ne lebende Legende« – solche Sätze fallen oft an diesem letzten Tag. Manches Auge wird feucht.

Beinahe wie bestellt rollt ein Käfer aus dem Jahr 1958, Farbe Diamantgrau-metallic, auf den Hof. Während die meisten Autos rückwärts an die Zapfsäulen fahren, parkt der Käfer vorwärts ein, denn sein Tankstutzen befindet sich vorne. Manni kennt sich aus, kriecht unter die Haube. Ein Fotomotiv wie aus einer anderen Zeit. 1924 hatte die Tanke, die früher seinem Adoptivvater gehörte, ihre Lizenz erhalten. Laut Tankstellen-Fachverband war sie Deutschlands älteste Station, die in ihrer ursprünglichen Form noch existierte. Wehmut schwingt mit.

Tankwart Manfred Milz.

Tankwart Manfred Milz. Foto: dpa

Doch Manfred Milz ist auch froh. 70 wird er dieses Jahr. Tankwart ist Knochenarbeit und wirft nicht viel ab. Wagenwäsche hat er von Hand gemacht, Räder wechseln, Scheiben putzen, kleine Reparaturen. Mit seinem Laden war er schon lange nicht mehr auf dem neuesten Stand oder konkurrenzfähig. Auch sein kleiner Getränkehandel ist mit den Jahren immer beschwerlicher geworden.

Milz hadert nicht mit den Realitäten des Lebens. »Irgendwann muss man ein Ende finden.« Er hat lange nach einem Nachfolger gesucht, aber keiner habe es ernst gemeint. »Viele wollten, aber nur ein bisschen. Das hier muss man aber mit ganzem Einsatz machen. Ist nix für Luschies.« Mit dem Pragmatismus des Ruhrpott-Originals konstatiert der 69-Jährige: »Alte Tankstellen finden alle schön, sie sind aber nicht mehr im Trend. Auch der Kundenstamm ist alt. Fast jeden Monat ist mir ein Kunde weggestorben.«

Junge Leute seien nicht mehr so heiß aufs eigene Auto. »Die machen Carsharing und so was.« Und Manni? Der setzt bei seiner persönlichen Mobilität künftig aufs Fahrrad. Ausgedehnte Touren will er machen. Da passt ein Geschenk, das frühere Nachbarn zum Abschied mitgebracht haben, gut: ein Buch übers Radeln im Ruhrgebiet.

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