Nach Rodungsstopp am »Hambi« geht ein Ruck durch die Dörfer Anwohner schöpfen neuen Mut

Erkelenz (dpa). Tausende forderten im vergangenen Jahr: »Hambi bleibt!« Und der Hambacher Forst steht tatsächlich immer noch. Das macht den Menschen Hoffnung, deren Dörfer wegen des Tagesbaus Hambach abgerissen werden sollen.

Das Braunkohle-Abbaugebiet Hambach: Der Rodungsstopp für den Hambacher Forst setzt offenbar neue Kräfte frei.
Das Braunkohle-Abbaugebiet Hambach: Der Rodungsstopp für den Hambacher Forst setzt offenbar neue Kräfte frei. Foto: dpa

Man muss schon genau hinschauen, um die ersten Anzeichen zu erkennen: Noch scheint Kuckum weit entfernt davon, ein Geisterdorf zu werden. Aber in dem Ort am Braunkohletagebau Garzweiler II sieht man doch erste Spuren: keine Blumentöpfe an den Fenstern vereinzelter Häuser, Rollos, die wahrscheinlich niemand mehr hochzieht, Unkraut, das niemand jätet. 35 Häuser stehen schon leer. »35 von 120«, sagt Anwohnerin Marita Dresen.

Seit Monaten schaut Deutschland auf den Konflikt um den Hambacher Forst etwa 40 Kilometer entfernt von Kuckum. Der Wald dort, der Hambi , soll für den Tagebau gerodet werden. »Es geht doch nicht nur um Bäume. Es geht auch um Menschen«, spricht Dresen an ihrem Küchentisch aus, was viele in den Dörfern am Tagebau Garzweiler II denken.

Noch fünf Orte betroffen

Etwa 1600 Menschen sind gezwungen, ihre Dörfer südlich von Mönchengladbach zu verlassen. Kuckum, Keyenberg, Berverath, Ober- und Unterwestrich – das sind kleine, gewachsene Dörfer mit oft großen Gärten und alten Bäumen. Es sind die letzten fünf Orte im Rheinischen Revier, die in einem Tagebau verschwinden sollen.

Lange habe man ihnen erzählt, sie müssten für das Allgemeinwohl weg – für die Sicherung der Stromversorgung. Lange hätten sie das auch geglaubt, erzählt Dresen. »Man hat uns für dumm verkauft«, kommt sie jetzt nach den monatelangen Hambi- Protesten zu einem ganz anderen Schluss. Die letzte Bestätigung dafür kam für sie vom Oberverwaltungsgerichts Münster: Das stoppte die Rodungen vorerst, weil aus seiner Sicht die Notwendigkeit für die Energieversorgung nicht belegt ist.

Bündnis gebildet

Zuerst seien die Umsiedlungs-Gegner in den Dörfern nur ein kleiner Haufen gewesen, sagt Helmut Kehrmann (64), der bei dem Gespräch mit an Dresens Küchentisch sitzt. Mit den Hambi-Protesten kamen auch immer mehr Leute, die den Erhalt ihrer Dörfer forderten. In dem Bündnis »Alle Dörfer bleiben« seien sogar Menschen aus Dörfern in der Region, die nicht abgebaggert werden: »Die jungen Leute im Hambacher Forst haben uns den richtigen Weg gezeigt.« Den Weg des Widerstands.

Der Widerstand im Hambacher Forst habe vielen Mut gemacht, beobachtet der Erkelenzer Bürgermeister Peter Jansen (CDU). Nach RWE-Planungen hätte der Wald ja schon so gut wie weg sein müssen. »Alle glauben, durch radikale Demonstrationsmaßnahmen kann man richtig was erreichen.« Die Stadt verliert ein Drittel ihres Gebiets durch Garzweiler II. Sie hat anfangs juristisch dagegen gekämpft und verloren.

Anwohner verhandeln mit RWE

Die Umsiedlung, die viele Menschen nicht wollten, läuft. Etwa 80 Prozent der Betroffenen haben eine Vereinbarung zur Entschädigung mit RWE unterschrieben oder seien kurz davor. Für Jansen ist das auch Ausdruck der Resignation nach jahrelangem Widerstand. Nur 20 Prozent hätten noch nicht mit RWE verhandelt.

Hans-Josef Dederichs (54) gehört zu denen, die neu bauen. Er gehört zu der Grünen-Fraktion im Erkelenzer Stadtrat und war über viele Jahre Vorsitzender einer Bürgerinitiative gegen die Braunkohle: »Wir haben 20, 30 Jahre gegen den Tagebau gekämpft, das hat niemanden interessiert.« Dederichs erzählt, wie belastend die Situation für die Dorfgemeinschaft ist: »Die einen fangen an zu kämpfen, andere reden nicht mehr, wieder andere nicht mehr miteinander.«

Umsiedlung läuft seit 2016

Warum er noch den Mund aufmache, bekomme er selbst zu hören: Er baue doch schon am neuen Ort. Aber Dederichs hat nie aufgehört zu kämpfen. »Jeder Quadratmeter Land, den wir nicht an den Tagebau abgeben, ist ein Gewinn.« Für ihn geht’s um Heimat. Und wenn diese tatsächlich erhalten bliebe? »Dann werden selbst ältere Häuser ihre Käufer finden.«

RWE stellen sich solche Fragen nicht. Die Umsiedlung der fünf Orte laufe seit 2016 mit hoher Dynamik. »Viele Familien planen ihren Neubau, am Umsiedlungsstandort herrscht rege Bautätigkeit. Die gesamte technische Infrastruktur ist gebaut, die komplette Ortsrandeingrünung fertig«, stellt ein RWE-Sprecher fest. Es sei im Interesse der Dorfgemeinschaften und im Sinn der Sozialverträglichkeit, die Umsiedlungen planmäßig und verlässlich weiterzuführen.

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