Kommentar zum Vorwurf der Misshandlung im Wittekindshof in Bad Oeynhausen
Kontrolle Fehlanzeige

Eines vorweg: Im Wittekindshof Bad Oeynhausen gibt es ungezählte Mitarbeiter, die sich mit Empathie und Leidenschaft um behinderte Menschen kümmern. Für sie ist „Menschenwürde gestalten“ mehr als der Slogan der Diakonischen Stiftung. Sie leisten eine schwere Arbeit, die sich viele von uns sicher nicht zutrauen.

Samstag, 09.01.2021, 03:12 Uhr aktualisiert: 09.01.2021, 06:30 Uhr
Im Oktober 2019 durchsuchten Polizisten in Zivil den Wittekindshof. Foto: Rajkumar Mukherjee

Aber es scheint auch eine andere Seite des Wittekindshofs zu geben, eine dunkle. So stellt es sich jedenfalls für die Behörden nach langen Ermittlungen dar.

Es gibt Behinderte, die sich oder anderen Gewalt antun wollen. Für jeden von ihnen muss ein Konzept erstellt werden, das einem Familienrichter vorgelegt wird. Nimmt er seine Aufgabe ernst, zeichnet er die Vorlage nicht einfach ab, sondern entscheidet selbst, was in welchem zeitlichen Umfang erlaubt ist – Fixieren auf einer Matratze, Einsperren im Zimmer, das Verabreichen starker Psychopharmaka. Denn grundsätzlich soll versucht werden, mit milderen Mitteln auf solche Menschen einzuwirken. „Werdenfelser Weg“ heißt das Konzept, das in Bayern entstanden ist und mit dem viele Richter seit Jahren die steigende Zahl von Fixierungen und Freiheitsentziehungen einzudämmen versuchen.

Doch im Wittekindshof sollen sich Mitarbeiter nicht immer an Gerichtsbeschlüsse gehalten haben, und manchmal soll überhaupt kein Richter gefragt worden sein. Bei den Ermittlungen ist der Eindruck entstanden, manche Bewohner seien für Ungehorsam und anderes Fehlverhalten mit Freiheitsentzug bestraft worden – und auch mit dem Einsatz von CS-Gas.

Das Bedrückende ist, dass diese mutmaßlichen Taten nicht von Betreuern, der Heimaufsicht oder Familienrichtern aufgedeckt wurden, sondern durch die Anzeige einer Angehörigen. Die Kontrolle so großer Einrichtungen mit tausenden Klienten – sie funktioniert nicht. Das ist eine zentrale, bittere Erkenntnis aus diesem Fall, mit der sich jetzt die Politik auseinandersetzen sollte.

Nichts spricht dafür, dass der Vorstand von den Taten wusste. Er will an der Aufklärung mitwirken und einen Bewusstseinswandel erreichen. Inwieweit das bei jedem ankommt, muss abgewartet werden. Noch im November soll ein Behinderter getreten und geschlagen worden sein. Eine Anzeige erstattete der Wittekindshof nicht.

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