Kommentar: „Lockdown light“ und das böse Erwachen
Im Halbschlaf

Eigentlich wollten sie keine neuen Corona-Beschlüsse fassen bei dieser endlich wieder einmal „normalen“ Ministerpräsidentenkonferenz. Aber dann verkündeten sie schon jetzt die Verlängerung des Teil-Lockdowns bis zum 10. Januar. Denn die Zahl der Neuinfektionen sinkt einfach nicht richtig und die der Toten steigt. Doch die Corona-Politik von Bund und Ländern hat weiterhin empfindliche Schwächen.

Freitag, 04.12.2020, 11:12 Uhr
Passanten gehen durch die Fußgängerzone in der Petersstraße in der Leipziger Innenstadt. In Sachsen gelten nun unter anderem Ausgangsbeschränkungen. Foto: Jan Woitas/dpa

Es wird erneut zum Hickhack kommen, was in welchem Bundesland zu Weihnachten und Silvester erlaubt sein wird. Berlin etwa, wo die Inzidenzzahl weit über dem als für das Gesundheitssystem tragbar geltenden Maß liegt, will auch über Weihnachten die Kontakte auf fünf Personen aus zwei Haushalten begrenzen. Länder, deren Werte besser sind, lassen dagegen Treffen mit zehn Personen zu. Familien leben aber oft verstreut, sie werden durch die Republik nach Hause reisen, womit der Gleichschritt passé ist.

Dabei wären – bittere – Lehren aus dem Sommer zu ziehen. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow hatte damals wegen der in seinem Bundesland guten Corona-Zahlen striktere Regeln abgelehnt. Nun wurde der thüringische Landkreis Hildburghausen mit einer Inzidenz von 630 zum Super-Hotspot. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer hatte entspannt gesagt, die zweite Welle sei schon da. Jetzt bekommt er zu spüren, was eine zweite Welle in Wahrheit ist, und warnt sogar vor Ausgangssperren. Und NRW-Ministerpräsident Armin Laschet bezeichnet seine jüngsten Lockerungsaussichten inzwischen als „zu optimistisch“.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hat Zweifel angemeldet, ob der längere „Halbschlaf“ die bessere Strategie ist. Nachbarländer griffen hart, aber kürzer ein und lockern nun wieder. Auch Angela Merkel pochte immer wieder auf größere Vorsicht – konnte sich aber nicht durchsetzen. Je mehr Zeit verloren geht, desto schwerer wird es, noch einmal die Kraft für einen echten Lockdown aufzubringen. Die Kassen sind leer, die Wirtschaft leidet und viele Menschen sind mürbe. Die Ministerpräsidenten ahnen, dass ein kurzer ruhiger Tiefschlaf nach der Explosion der Corona-Neuinfektionen im Oktober erholsamer ge­wesen wäre als dieser ­lange nervöse Halbschlaf. Das böse Erwachen kann noch kommen.

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