Kommentar zur US-Präsidentenwahl
Eskalation mit Ansage

Es waren längst nicht alle Stimmen in allen Bundesstaaten ausgezählt, da erklärte sich US-Präsident Donald Trump bereits vollmundig zum erneuten Wahlsieger. Der befürchteten Hängepartie könnte eine Eskalation mit Ansage folgen – eine Nervenschlacht mit ganz schmutzigen politischen Manövern.

Mittwoch, 04.11.2020, 11:34 Uhr aktualisiert: 04.11.2020, 21:25 Uhr
US-Präsident Donald Trump hält die Faust hoch, nachdem er im Ostsaal des Weißen Hauses in Washington seine Rede gehalten hat. US-Vizepräsident Mike Pence (links) und First Lady Melania Trump stehen neben ihm. Foto: Evan Vucci/AP/dpa

„Wir waren dabei, diese Wahl zu gewinnen, offen gesagt, wir haben diese Wahl gewonnen.“ Und plötzlich sei das abgebrochen. „Dies ist ein großer Betrug an den Wählern“, orakelte Trump vor seinen Anhängern im Weißen Haus. Sätze, die der Anfang einer brutalen Attacke auf die US-amerikanische Verfassung, ja auf die Demokratie in den Vereinigten Staaten sein könnten.

Doch der Reihe nach: Gerade in den „Swing States“ läuft es für den Amtsinhaber überraschend gut. Die erstaunlichste Erkenntnis landesweit: Das gravierende Missmanagement der Corona-Pandemie scheint Trump nicht besonders geschadet zu haben. Stattdessen konnte er von sich offenkundig das Bild des höchst erfolgreichen Wirtschaftspolitikers zeichnen. So ist das Rennen bis zum Schluss extrem knapp und der demokratische Herausforderer Joe Biden von dem ihm prognostizierten Erdrutschsieg weiter entfernt als die Erde vom Mond. Einmal mehr liegen die Demoskopen mit ihren Vorhersagen ziemlich daneben, einmal mehr kann Trump deutlich mehr Wähler für sich gewinnen als es ihm vorher zugetraut worden ist.

Europa mag allein darüber schon entsetzt sein – muss aber fraglos jedes Resultat akzeptieren, solange dieses rechtmäßig zustande kommt. Deutlich wird einmal mehr, wie weit unser Bild von Donald Trump von jenem abweicht, das viele US-Amerikaner von ihm haben. Zugleich kann man sagen, dass der 77-jährige Joe Biden – von Trump immer wieder als „Sleepy Joe“ verspottet – sicher nicht der Hoffnungsträger war, zu dem es die Menschen in Scharen hingezogen hätte. Allein das ist ein Armutszeugnis für die Demokratische Partei.

Noch aber ist Geduld gefragt. Noch kann Biden die erforderlichen 270 Wahlleute zusammenbekommen. Genau auf dieses Szenario nimmt Donald Trump mit seinem dreisten Vorpreschen eine Anleihe. Die Frage ist freilich, ob Trump seine Drohung tatsächlich wahr machen und vor den Obersten Gerichtshof ziehen würde, um vom Supreme Court die Auszählung der Briefwahlstimmen stoppen und sich zum Sieger küren zu lassen.

Eine beispiellose Respekt- und Skrupellosigkeit ist Donald Trumps Vorgehen aber so oder so. Die Präsidentenwahl am 3. November 2020 markiert einen neuen Tiefpunkt in der politischen Kultur der USA. Ein zutiefst gespaltenes Land blickt in den Abgrund – und die westliche Welt muss hilflos zuschauen. Sollte die amerikanische Tragödie ungebremst ihren Lauf nehmen, so wird es nur andernorts Sieger geben: China und Russland.

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