Kommentar zum Thema Antisemitismus
Hass – offen und getarnt

Was könnte ein größerer Beweis des Vertrauens in die Deutschen und ihren demokratischen Rechtsstaat sein als die Tatsache, dass nach dem Holocaust wieder Juden hier im Land leben. Mehr noch: Die jüdischen Gemeinden sind in den vergangenen 30 Jahren durch Zuzug aus der ehemaligen Sowjetunion deutlich gewachsen.

Samstag, 10.10.2020, 09:58 Uhr aktualisiert: 10.10.2020, 10:00 Uhr
Bernd Wiegand (parteilos, vorn), Oberbürgermeister von Halle/Saale, und Reiner Haseloff (CDU), Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, richten die Kränze zum Gedenken an die Opfern des Anschlages von Halle/Saale vor der Synagoge. Foto: dpa

Jede antisemitische Äuße­rung ist eine Schande für unser Land. Und: Anti­semitismus beginnt nicht mit Beschimpfungen, nicht erst damit, dass – wie kürzlich in Hamburg – ­Juden vor der Gemeinde angegriffen werden. Was in Bluttaten wie dem Anschlag in Halle vor einem Jahr endet, beginnt mit Vorurteilen.

Nicht so unverhüllt wie einst

Antisemitische Denkmuster sind tagtäglich millionenfach zu lesen in den sozialen Netzwerken, sie sind auf Demos zu hören und zu sehen. Nur treten sie meist nicht so un­verhüllt auf wie einst – die Antisemiten 2.0 nutzen Chiffren und Symbole. Von den „Eliten, die die Welt beherrschen“ oder der „Finanzclique um George Soros“ ist es ein gedank­licher Trippelschritt zu ­Joseph Goebbels’ „internationalem Finanzjudentum“. Eliten quälten Kinder in un­­terirdischen Lagern, lautet eine in der QAnon-Bewegung verbreitete Verschwörungstheorie. Das ist eine moderne Variante des ­uralten Ritualmord-Vorwurfs.

Das „Q“ der QAnon-Komplottisten war auf vielen Corona-Demos zu sehen, ebenso Davidsterne mit der Aufschrift „ungeimpft“. Letzteres ist nicht nur geschmacklos, es verharmlost den NS-Völkermord, der nicht erst mit dem Vernichtungslager Auschwitz, sondern mit der Ausgrenzung und Stigmatisierung der jüdischen Deutschen begann.

Während die antijüdischen Straftaten laut Verfassungsschutz „erheblich“ zunehmen, sind bei Gedenkanlässen wie am Freitag in Halle wieder wohlgewählte Worte der Solidarität zu hören. Diese Solidarität ist nicht nur Auf­gabe der Politik und der Sicherheitskräfte, sie muss Auftrag für alle Bürger eines Landes sein, das sich in seine Verfassung geschrieben hat, niemand dürfe wegen Abstammung, Sprache, Herkunft oder Religion benachteiligt werden. Wo immer Antisemitismus sein Gesicht zeigt, offen oder angedeutet, von rechts, von links oder von muslimischer Seite, ist ­Widerspruch Bürgerpflicht für jeden, der sich den Werten dieses Landes verpflichtet fühlt. Mehr noch: Es ist Menschenpflicht.

Kommentare

Paul Schneider  wrote: 10.10.2020 11:18
Mein Kommentar zum Antisemitismus
Es dreht sich doch um die Frage, ob es zulässig ist, Kritiker Israels pauschal als Antisemiten zu bezeichnen. Es drängt sich doch der Eindruck auf, dass "Antisemit" genau so zu Diffamierung genutzt wird, wie "Verschwörungstheoretiker" oder "Querfrontler". Es ist merkwürdig, dass man in der Literaur keine Definition zur Israel-Kritik findet. Es besteht aber kein Zweifel, dass derAntisemitismus eine mit Nationalismus, Sozialdarwinismus und Rassismus begründete Judenfeindlichkeit verbunden ist, die etwa seit dem Jahr 1800 in Europa auftritt. Bei meinen vielen Besuchen in Israel (seit 1971) habe ich erfahren, dass der Antizionismus auch immer den Antisemitismus beinhaltet. Für mich jedoch ein sehr feiner Unterschied. Verständnis für die Lage der Palistinenser habe ich sehr selten gefunden. Für mich hat es der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor, auf den Punkt gebracht: "Die Kritik gegen Israel heute ist nicht unbedingt, bei den meisten Kritikern jedenfalls nicht, eine Kritik gegen den Staat Israel, auch nicht eine Kritik gegen das Volk Israel. Es ist eine bestimmte Kritik gegen eine bestimmte Politik, und sie wird verschwinden, sobald diese Politik verschwindet". Die Liste derer, die jüdischer Herkunft sind und trotzdem die Israel-Politik kritisieren ist ellenlang. So hatte ich z. B. die Gelegenheit, den linken Intelektuellen Noam Chomsky kennenzulernen, der für seine Kritik an der Politik Israels weltweit bekannt ist. Der emeritierte Professor für Linguistik am MIT unterstützt seit 2008 das "Free Gaza Movement". Ebenfalls hat ich auch die Gelegenheit, den New Yorker Politikwissenschaftler Norman G. Finkelstein kennenzulernen, der kritische Werke zum Zionismus, dem Nahostkonflikt und zum Gedanken an den Holocaust veröffentlicht hat. Mit seinem Buch: Die "Holocaust-Industrie" setzte er sich massiver Kritik aus. Diese und andere Begegnungen machten mich automatisch zum Antisemiten. Trotzdem sage ich: Wagt es, nicht nur kritisch zu denken. Wagt es, eure Kritik auszusprechen. Aber bleibt differenziert. Sprecht nicht von den "Juden" oder den "Israelis". Das befeuert den Antisemitismus. Sprecht von der israelischen Politik. Die Unterscheidung wird von vielen Menschen mit jüdischen Wurzel geteilt.
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