Kommentar zum Tag der Einheit
Immer noch ein Grund zum Feiern!

Ist die Wiedervereinigung nun gelungen oder nicht? Diese Frage ist so alt wie der Feiertag zum „Tag der Deutschen Einheit“ selbst. Und sie wird auch zu diesem 3. Oktober wieder gestellt. Sogar besonders laut, schauen wir doch auf 30 Jahre Deutsche Einheit zurück. Meine Antwort fällt eindeutig aus: Ja, die Deutsche Einheit ist gelungen – auch wenn sie unvollendet ist und das lange noch bleiben wird. Ja, die Deutsche Einheit ist gelungen – auch wenn manches dabei auf dramatische Weise schief gegangen ist.

Freitag, 02.10.2020, 20:05 Uhr aktualisiert: 02.10.2020, 20:08 Uhr
25.09.2020, Berlin: Das Brandenburger Tor ist zum Auftakt des Lichterfestivals «Berlin leuchtet» illuminiert. Das Thema der mehrminütigen Lichter- und Videoshow ist die Deutsche Einheit. Foto: Paul Zinken/dpa-Zentralbild/dpa

Die wirtschaftlichen Kennzahlen lügen nicht, von der Gleichheit der Lebensverhältnisse in allen deutschen Bundesländern sind wir weit entfernt. Gewiss gibt es nicht weniger Unterschiede zwischen Nord und Süd, und doch sind jene zwischen Ost und West noch viel zu oft struktureller Natur. So nimmt es nicht Wunder, wenn sich laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung 60 Prozent der Ostdeutschen auch im Jahr 2020 noch immer als Bürger zweiter Klasse fühlen.

Wer daraus nun folgert, dass all diese Menschen die DDR zu verklären versuchen, macht es sich zu leicht. Viel zu leicht. Denn nicht wenige derer, die da befragt wurden, haben gar keine Erinnerung mehr an den Arbeiter- und Bauernstaat. Sie blicken auch gar nicht zurück, sondern sie schauen auf das Hier und Jetzt. Auf ihre persönlichen Lebensbedingungen und auf die Zukunftsperspektiven für sich und ihre Heimat.

Gewachsenes Selbstverständnis

Dass es andere Umfragen gibt, wo­nach sich 80 Prozent der Ostdeutschen angekommen fühlen in der Bundesrepublik, muss dazu kein Widerspruch sein. Im Ge­genteil: Es ist Ausdruck eines in 30 Jahren gewachsenen neuen Selbstverständnisses und eines gesunden Selbstbewusstseins. Die Menschen im Osten Deutschlands wollen weder Mitleid noch einen besonderen Bonus. Sie haben weder Belehrung noch Bevormundung verdient, dürfen weder besondere Rechte noch geringere Pflichten für sich in Anspruch nehmen.

Was der Osten braucht, ist nicht das Fortschreiben gängiger Vorurteile, sondern Chancengleichheit im Wettstreit der Regionen. Wer heute noch Dankbarkeit der Menschen in Ostdeutschland vermisst, liegt dramatisch falsch. Wenn schon, haben alle Deutschen dankbar zu sein angesichts des historisch beispiellosen Glücks einer gelungenen friedlichen Revolution. Und die ist noch immer ein Grund zum Feiern! Zugleich haben wir alle die Verpflichtung, dieses Glück mit ganzer Kraft zu gestalten – auch in den nächsten 30 Jahren.

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