Kommentar zur frühen Kandidatur
Scholz könnte noch in Gefahr geraten

Wer hierzulande Kanzler werden will, muss aus besonders hartem Holz geschnitzt sein. Dabei ist der Auswahl-Prozess in der eigenen Partei noch eine harmlose Veranstaltung im Vergleich zu dem Augenblick, in dem ein Kanzlerkandidat für eine Partei auf der Lichtung steht.

Samstag, 05.09.2020, 18:51 Uhr aktualisiert: 05.09.2020, 18:54 Uhr
Olaf Scholz (SPD) will Bundeskanzler werden. Foto: dpa

Wie sich das anfühlt, spürt derzeit Finanzminister und Vize-Kanzler Olaf Scholz. Er hat den großen Vorteil, dass er den Berliner Politik-Betrieb aus dem EffEff kennt. Er ist nicht der Typ, der auf dem Parkett ausrutscht. Sein Repertoire reicht von Bandwurmsätzen im Scholzomat-Stil bis zur simplen „Wumms“-Botschaft, und emotional hat er sich sowieso im Griff.

Dennoch lauert in seiner frühen Kanzlerkandidatur für ihn persönlich eine große Gefahr. Der Kandidat wird nun 13 Monate auf Leib und Magen geprüft. In einer so langen politischen Karriere passieren auch viele Fehler. Manche sind offensichtlich – wie sein Management rund um den G20- Gipfel 2017 in Hamburg. Andere mögliche Fehler – und das sind die für die Kandidatur kritischen – kommen nun erst ans Licht oder werden noch einmal in neuem Licht gesehen.

Ein bisschen Bafin hätte Scholz wahrscheinlich noch an sich abtropfen lassen können. Aber ein Bafin-Untersuchungsausschuss, ganz zu schweigen von peinlichen Fragen nach seiner Rolle in Cum-Ex-Geschäften und von Debatten um alte Versäumnisse bei der HSHNordbank, kann dem Image des seriösen Finanzministers schaden. Mehr noch: Sollte sich herausstellen, dass Scholz tatsächlich dazu beigetragen haben sollte, die Banker vor Steuernachzahlungen zu schützen, dann wird sein Ruf nach „Respekt“ für Leute, die für kleine Löhne hart arbeiten, an Glaubwürdigkeit verlieren.

Doch eben dies ist das Pfund, mit dem Scholz wuchert: Er als Vertreter der skandalfreien Ära Merkel, als bürgerlicher Kandidat einer nach links gerückten SPD. Seine frühe Kanzlerkandidatur war für die SPD wichtig. Die Sozialdemokraten mussten nach den dreimal hintereinander verstolperten Aufstellungen eines Kanzlerkandidaten bei Steinmeier, Steinbrück und Schulz endlich unter Beweis stellen, dass sie eine solche Kür auch professionell über die Bühne bringen können.

Zudem hat die frühe Entscheidung die SPD machtpolitisch stabilisiert und lässt die Partei nach außen geschlossen erscheinen. Für den Kandidaten selbst aber ist es eine Bürde. Scholz wird bis zur Bundestagswahl praktisch keine ruhige Minute mehr haben. Er steht permanent im Scheinwerferlicht - insbesondere solange Union und Grüne ihre K-Frage noch nicht entschieden haben. Und nach allen Signalen der vergangenen Wochen wollen sich beide Parteien damit eher mehr als wenig Zeit lassen.

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