Kommentar zum Verfall des Libanon
Die Eliten haben versagt

Früher hatte der Libanon einen positiven Beinamen: „die Schweiz des Nahen Ostens“. Nicht nur wegen der hohen Berge – vielmehr prägten auch mächtige Banken, Luxus-Shoppingmeilen und edle Clubs in Beirut dieses Image. Die Hauptstadt wurde, auch wegen ihrer kulturellen und ethnischen Vielfalt, als „Paris des Orients“ bezeichnet.

Samstag, 08.08.2020, 13:01 Uhr aktualisiert: 08.08.2020, 13:04 Uhr
Ein libanesischer Soldat untersucht ein Auto am Ort der verheerenden Explosion im Hafen Beiruts. Nach der schweren Detonation wird weiterhin nach Opfern und Überlebenden gesucht. Foto: dpa

Und heute? Herrscht bei einer kleinen Elite unermesslicher Reichtum, aber viele Menschen leben in bitterer Armut. Experten bescheinigen dem Land, auf dem Weg in den „failed state“, den gescheiterten Staat, zu sein.

Denn die Libanesen ringen seit dem Bürgerkrieg (1975-1990) mit einer schweren Wirtschaftskrise, die Währung ist abgestürzt, in der Folge sind Banken bankrott gegangen, und die Arbeitslosigkeit ist hoch. Zudem findet mehr oder weniger offen ein Stellvertreterkrieg statt: Auf der einen Seite die USA und Israel, auf der anderen die Hisbollah und der Iran.

Anschläge sind fast Alltag

Anschläge und Raketeneinschläge sind fast Alltag – daher verwundert es nicht, dass nach der verheerenden Explosion die Vermutung eines Terrorakts ganz schnell zur Hand war.

Doch der sich abzeichnende Hintergrund der Katastrophe wirft ein Schlaglicht auf die verbreitete Korruption und Vetternwirtschaft im Land. Vor allem der Bausektor und die politische Elite sind darin verwickelt. Kenner des Landes berichten, dass der Libanon seit Jahrzehnten von einigen reichen Familien regiert wird. Diese hätten wenig Interesse am Schicksal der Bevölkerung.

Zudem gibt es einen Aspekt, der von der Weltöffentlichkeit fast vergessen worden ist, der aber erheblich zur angespannten Lage beiträgt. Der Libanon hat etwa 1,5 Millionen Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen – prozentual zur Bevölkerung mehr als jedes andere Land. Viele von ihnen leben unter unerträglichen Umständen. Es gibt keine offiziellen Flüchtlingslager. Die Regierung zieht sich mit der Aussage aus der Verantwortung, dass aus den einstigen palästinensischen Flüchtlingscamps inzwischen Stadtteile geworden sind. Dort wohnen die syrischen Familien aber völlig illegal und ohne jede Perspektive. Das provoziert Kriminalität und Spannungen mit den Libanesen.

Es wird sich zeigen, ob die Menschen im Libanon noch die Energie haben, gegen die versagenden Eliten aufzubegehren. Die ersten kleineren Demonstrationen hat es bereits gegeben. Allerdings ist völlig offen, welche Kräfte ein eventuelles Machtvakuum für sich nutzen könnten. Kein Wunder, dass Bundesaußenminister Heiko Maas vor einer Destabilisierung des Landes gewarnt hat. Der Irak hat gezeigt, was passieren kann.

Kommentare

Paul Schneider  wrote: 10.08.2020 08:03
Die Eliten haben versagt
Der Libanon war schon vor der Explosion ein Pulverfass. Es ist nicht nur der "ökonomische Schmerz", der die Prosteste antreibt, sondern auch die verheerende Politik , die zur rapiden Verschlecherung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen geführt haben.. Der Vorzeige-Staat ist systematisch an die Wand gefahren worden. Und die westliche Wertegemeinschaft ist hier mit in der Veranwortung. Oder war es doch eine Duldung, so dass Verschwendung von öffentlichen Mitteln und die weit verbreitete Korruption möglich waren? Nun soll humanitäre Hilfe das gröbste Leiden der Bevölkerung minimieren. Vielleicht sollte man zuerst den Krieg in Syrien beenden, deren Folgen, z. B. die hohe Zahl an Flüchtlingen dem Libanon zu schaffen macht. Warum wird der tödliche Konflikt zwischen den alawitischen Ängern Assads und den sunnitischen Gegnern Assasds nicht beendet? Warum ist es möglich, dass Israel ständig die UN-Resolution 1701 verletzt, indem es die territoriale Sicherheit des Libanons verletzt? Oder ist sogar eine Retoure der westlichen Allianz für die Beschlagnahme von Waffen für die syrischen Rebellen 2013? Oder warum werden nach Euronews weiterhin Rebellen im Libanon asgebildet? Oder sind es die Folgen, weil der Libanon 2013 die Öffnung des Luftraum zum Militärschlag gegen Syrien verweigerte? Oder wollte man mit der Explosion vermeiden, dass China im Rahmen des Ausbaus der Neuen Seidenstrasse, keinen Fuss im Libanon fassen kann? Fragen über Fragen.
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