Kommentar zur Kanzlerkandidatur der Grünen
Eine unheimliche Geschlossenheit

Die Grünen kennen das. Ein Sommerhoch in Umfragen. Zum Wahltag im Bund zogen dann häufig dunkle Wolken auf, weil die Partei einen nationalen Vegetariertag ausrufen, die gut verdienende Mittelschicht höher besteuern oder sonst etwas verbieten wollte. Doch mittlerweile erlebt die Ökopartei wieder einen Sommer, in dem die Sonnenblume, ihr Markenzeichen im Parteiemblem, in voller Blüte steht.

Samstag, 08.08.2020, 10:32 Uhr aktualisiert: 08.08.2020, 10:36 Uhr
Annalena Baerbock, Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Bundesvorsitzender Robert Habeck (links) und Michael Kellner, politischer Bundesgeschäftsführer. Foto: dpa

In Landtagswahlen wie in Bayern und Hessen holten sie überdurchschnittliche Ergebnisse, so stark, dass selbst CSU-Chef Markus Söder die Bienen entdeckte. Hitzesommer, Trockenheit, Starkregen vermittelten auch einem breiten Publikum den untrüglichen Eindruck, dass mit dem Klima irgendetwas nicht in Ordnung sein kann.

Radikal war gestern

Seit Annalena Baerbock und Robert Habeck im Januar 2018 die Parteiführung übernommen haben, herrscht eine beinahe schon unheimliche Geschlossenheit, als hätte es die beinhart ausgetragenen Flügelkämpfe früherer Zeiten nie gegeben. Radikal? Das war gestern. Wenn die Grünen dieser Tage noch radikal sind, dann höchstens radikal realistisch. Opposition ist für sie zwar nicht Mist, wie es ein früherer SPD-Vorsitzender einmal ausgedrückt hat, aber Regieren ist doch schöner, vor allem aber bringt es mehr Gestaltungskraft.

Nach dem ge­genwärtigen Stand ist eine Beteiligung der Grünen an einer nächsten Bundesregierung mindestens möglich. Schwarze und Grüne haben sich über Jahrzehnte derart aneinander abgearbeitet, dass sie es zumindest versuchen können und 2017 auch schon versucht hätten, wenn eine hasenfüßige FDP nicht vor der Zeit das Jamaika-Boot zum Kentern gebracht hätte.

Führungsanspruch formuliert

Die Grünen formulieren im Entwurf für ihr neues Grundsatzprogramm unverblümt den Anspruch, dieses Land zu führen. Die einstigen Ökopaxe entdecken die Mitte, weil nur dort sich Mehrheiten für eine Regierungsbeteiligung holen lassen. Die Bündnispartei müsste dann noch die Frage beantworten: Riskiert sie erstmals in den 40 Jahren ihrer Geschichte eine Kanzlerkandidatin oder einen Kanzlerkandidaten?

Noch halten Baerbock und Habeck still. Mal sehen, wen die Konkurrenz aufstellt. Aber irgendwann müssen sie aus der Deckung. Habeck ist womöglich mehr der Mann der Bühne, Baerbock gilt als sicherer in den Themen. Sie werden es still ausfechten oder einvernehmlich ausmachen. Und dann gemeinsam angreifen.

Kommentare

Paul Schneider  wrote: 08.08.2020 11:12
Unheimliche Geschlossenheit
Eines muss man den "Grünen" lassen. Der Weg von der Ökopartei und Kämpferin für den Frieden über die Partei der Besserverdiener und "Stahlhelm"-Partei zurück zur Ökopartei, ist schon eine erstaunliche Entwicklung. Das dies von mit 20 % vom Wahlvolk honoriert wird, ist nicht erstaunlich, zumal die Koalition in der Meinung der Bevölkerung in vielen Politik-Feldern erhebliche Defizite aufweist. Dass dabei die SPD auf der Stelle dümpelt, ist darauf zurückzführen, dass bei vielen Gesetzen ihre "Handschrift" nicht erkannt wird. Hingegen wirkt die CDU bei 40 % Wählerzuspruch relativ stabil. Dahinter stehen die über 60-Jährigen, die der Meinung sind, dass ihre Rente auch in Zukunft sicher sein wird. Sie wollen nicht verstehen, dass dies nicht der Fall ist, wenn die Rezession so rasant fortschreitet, die Milliardenzuschüsse verpufft sind und die zukünftigen Generation nicht mehr bereit ist, für die Schulden ihrer Vorväter- und mütter zu bezahlen. Die "Grünen" haben über ihre nationale Chance die Möglichkeit, das ökologische Gewissen der EU zu befeuern. Jedoch nur solange der "Green Deal" auf der Agenda steht.
Total 1 comments
Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7526347?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198306%2F2269031%2F
Amokfahrt in Trier: Fünf Menschen getötet, viele verletzt
Einsatzkräfte von Polizei und Feuerwehr nahe der Fußgängerzone in Trier.
Nachrichten-Ticker