Kommentar zur Explosion in Beirut
Gerüchte, Gefasel und große Gesten

Die Bilder aus Beirut bleiben im Kopf. Diese gewaltige Explosion , das Ausmaß der Zerstörung, die unglaublich große Zahl an Toten und Verletzten, das neue Chaos in diesem leidgeprüften Land. Dreierlei Dinge fallen bei dieser Katastrophe auf.

Mittwoch, 05.08.2020, 21:31 Uhr aktualisiert: 05.08.2020, 21:40 Uhr
Blick über den Schauplatz nach einer massiven Explosion im Hafen von Beirut. Foto: dpa

Wenig überraschend: Unmittelbar nach dem Unglück schießen die Gerüchte über die Ursache ins Kraut. Noch immer ist nicht letztgültig klar, was die Explosion ausgelöst hat. War es ein Unfall oder doch ein Anschlag? Explodierte im Hafen der Stadt eine „sehr große Menge Ammoniumnitrat“, wie der libanesische Ministerpräsident Hassan Diab erklärte, oder war es womöglich doch ein Angriff?

Die Gerüchte um eine mögliche Attacke befeuern Anwohner, die vor der Explosion Flugzeuge gehört haben wollen. Und war es nicht zuletzt an der Südgrenze des Landes erneut zu wachsenden Spannungen zwischen der militanten Hisbollah-Miliz und Israel gekommen? Dass israelische Militärflugzeuge Beirut überfliegen, ist nicht ungewöhnlich.

Weiterhin leider wenig überraschend: US-Präsident Donald Trump wurde seiner Rolle als Faselbarde wieder einmal gerecht, indem er unmittelbar nach der Explosion über deren Ursache schwadronierte: Er habe „einige unserer großartigen Generäle getroffen“, erklärte er in Washington, die „das Gefühl“ gehabt hätten, dass es sich nicht um „eine Art von Fabrikationsexplosion gehandelt“ habe. Sondern um einen Anschlag. „Es war eine Art Bombe“, so Trump. Inzwischen wundert oder ärgert man sich noch nicht einmal mehr über solcherart Einlassungen des US-amerikanischen Politclowns.

Welle der Hilfsbereitschaft

Bemerkenswert hingegen ist: die Welle der Hilfsbereitschaft. Noch am Abend der Katastrophe sandte die libanesische Regierung einen Hilferuf in die Welt. Und die antwortete Gott sei Dank: Deutschland, Frankreich, Tschechien, die Niederlande, die USA, Russland, die Türkei sowie die nahen und nicht ganz so nahen Nachbarn Katar, Kuwait und Jordanien boten umgehend Experten und Expertise an.

Dass der Iran Gleiches tat, überrascht nicht. Schließlich finanzieren die Mullahs die islamistisch-schiitische Hisbollah, die den Libanon sowohl politisch als auch faktisch über ihre Milizen kontrolliert. Alle Reaktionen zusammengenommen zeigen jedoch eines: Über alle religiösen, kulturellen, ideologischen und nationalen Barrieren hinweg gibt es zumindest noch einen Rest internationaler Solidarität und Grenzen überwindende Menschlichkeit.

Dass auch Israel seine Unterstützung zusagte und Kliniken im Norden des Landes umgehend Hilfe anboten, darf hier als ein eigenes Kapitel und eine besondere Geste der Humanität gewertet werden: Offiziell befinden sich beide Länder noch im Kriegszustand. Noch in der vergangenen Woche hatten sich israelische und libanesische Truppen im Grenzgebiet Gefechte geliefert. Jetzt wies der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu den Vorsitzenden des Nationalen Sicherheitsrates, Meir Ben-Schabat, an, mit dem UN-Nahostbeauftragten Nikolaj Mladenow weitere Hilfsmöglichkeiten für den ungeliebten Nachbarn auszuloten…

Kommentare

Paul Schneider  wrote: 06.08.2020 10:34
Beirut
Erst Wirtschaftskrise, dann Corona-Pandemie, dann die verheerende Explosion und jetzt die Hungersnot, die sich verstärken wird. So sieht also die Apokalypse der Neuzeit aus. Ob die Explosion auf Schlamperei oder doch auf einen Terrorakte zurückzuführen ist, wird sich nicht klären lassen. Auffällig sind jedoch die Bilder, die weltweit über die verschiedenen Agenturen veröffentlicht wurden. Dazu ist aber auch notwendig, sich das ganze Interview mit Trump anzusehen, was The Sun veröffentlichte. Nur "Gefasel"? Und auch das Bildmaterial, das von der internationalen Netzagentur Ruptly, auch wenn es ein Unternehmen des russischen staatlichen Medienbetriebes Rossija Sewodnja ist, verbreitet wurde, ist sehenswert.
Total 1 comments
Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7522922?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198306%2F2269031%2F
Seehofer plant Rassismus-Studie
Bundesinnenminister Horst Seehofer. Foto: dpa
Nachrichten-Ticker