Kommentar zur Fleischbranche
Zu lange weggeschaut

Sie kommen meist nur für einige Monate nach Deutschland, um ihre kargen Einkommen in Rumänien, Bulgarien oder Polen aufzubessern. Doch die Bedingungen, die sie hierzulande vorfinden sind sehr unterschiedlich. Während sie Saisonarbeiter in der Landwirtschaft in der Regel mit Respekt behandelt und angemessen untergebracht werden, offenbaren die Kontrollen der Behörden in der nordrhein-westfälischen Fleischindustrie ein Desaster.

Mittwoch, 08.07.2020, 19:00 Uhr
Symbolbild. Foto: dpa

Damit setzt sich fort, was viele schon lange ahnten und durch die massenhaften Corona-Ausbrüche beim Fleisch-Konzern Tönnies in Rheda-Wiedenbrück jetzt endgültig greifbar wurde: In der Fleischindustrie werden beim Bemühen die Kosten zu drücken, manche gesetzliche und vor allem viele moralische Regeln über Bord geworfen.

Die Politik hat jahrelang ihr Scherflein zu dieser Praxis beigetragen, indem sie entsprechenden Hinweise von Tierschützern und Gewerkschaften auf unhaltbare Zustände in der Branche nicht konsequent genug nachgegangen ist. Bleibt zu hoffen, dass die in der Corona-Pandemie gewachsene Sensibilität für diese Themen langfristige Folgen hat. Neue Regeln müssen her und deren Einhaltung muss regelmäßig überprüft werden.

Kommentare

Paul Schneider  wrote: 09.07.2020 07:43
Zulange weggeschaut
Die skandalösen Verhältnisse in der Fleischindustrie und die Lohnsklaven in dieser Branche sind seit langem bekannt. Ich erinnere mich noch an den Film "Lohnsklaven in Deutschland", von Marius Meyer und Michael Nieberg, die 2013 die "Drecksarbeit" (Original-Zitat) international operierender Werksvertragsunternehmen aufgezeigt haben. Dazu ergänzend den Bericht von Hans Leyendecker in der SZ vom 23.06.2013. Und wie sagte es einst der Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten in der Fleischregion Oldenburg, Mathias Brümmer, in der SZ: "Das ist Menschenhandel, das ist organisierte Kriminalität". Und bereits 2010 stellte die Düsseldorfer Richterin, Brigitte Koppenhofer, fest: "Der Umfang der illegalen Tätigkeiten und die Selbstverständlichkeit sind erschreckend". Und wurden aus den Ermittlungen "Karo" der Schwerpunktabteilung für Wirtschaftsstrafsachen der Staatsanwaltschaft Düsseldorf-Mitte Konsequenzen gezogen, die in diesem Bereich sehr intensiv ermittelt hat? Aber solange sich Frau Klöckner nur Gedanken darüber macht, ob Apfel 1,19 Euro kosten müssen, wird sich politisch nichts ändern.
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