Kommentar zum Fall Lügde
Versagen auf ganzer Linie

Von einem heilsamen Schock ist immer wieder die Rede, von einem augenöffnenden Kriminalfall unvorstellbaren Ausmaßes, von einer Zäsur. Der massenhafte sexuelle Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz in Lügde hat die gesellschaftliche Wahrnehmung dieser Taten massiv verändert.

Dienstag, 02.06.2020, 21:00 Uhr aktualisiert: 03.06.2020, 18:19 Uhr
Symbolbild Foto: dpa

Seitdem die Dimension des Falls bekannt wurde, prägen alle Fragen nach dem Schutz von Kindern vor solchen gewaltsamen Übergriffen die juristische und die politische Aufarbeitung. Polizei, Jugendämter, soziale Dienste haben ihre Arbeit danach verändert, erste Konsequenzen aus einem offensichtlich multiplen Behördenversagen gezogen.

Die Ermittlungen in einem zweiten Fall des massenhaften sexuellen Kindesmissbrauchs, der mit einem in Bergisch-Gladbach entdeckten Netzwerk seinen Anfang nahm, profitieren bereits davon. Die Täter werden schneller entdeckt, damit kann insbesondere das Leiden von Kindern schneller beendet werden. Dies allein wäre Antwort genug auf die Frage, welchen Sinn eine tiefergehende Untersuchung der Missbrauchsfälle jenseits einer juristischen Wertung hat.

Es gibt viele weitere Antworten – aber diese wiegt im Fall Lügde schwer: Nach allen bisherigen Erkenntnissen haben weder das Jugendamt Hameln- Pyrmont noch das Jugendamt Lippe die widrigen Zustände auf dem Campingplatz in Lügde intensiv beobachtet. Für beide war der Fall des Pflegekindes und des Pflegevaters Andreas V. möglicherweise zu weit weg. Genau dieser Bereich von Behördenversagen hat es möglich gemacht, dass der jetzt verurteilte Haupttäter von Lügde so lange unbehelligt blieb.

Damit künftig weder Lücken in der Zuständigkeit noch unklare Kompetenzen dazu führen, dass weitere Kinder nicht vor sexueller Gewalt geschützt werden können, hätten die insgesamt nun fünf Zeugen aus dem Jugendamt Hameln-Pyrmont dem Untersuchungsausschuss wertvolle Hinweise geben können. Sie hätten überdies ein Verständnis für den Fall schaffen können, das durch Aktenstudium alleine nicht zu erreichen ist. Sie wollen es aber nicht. Es ist ihr – man sagt: gutes – Recht, sich nicht selbst in ein neues Ermittlungsverfahren hineinzureiten.

Dass sie das offenbar trotz bereits eingestellter Ermittlungen befürchten, zeigt klar: Hier schützen sich Jugendamtsmitarbeiter selbst. Um so beeindruckender wirkt da die Sozialarbeiterin, die mit eigenen Fehlern offen umgeht, damit Kinder besser geschützt werden. Diese Haltung verdient Respekt.

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