Kommentar zur Konjunkturprognose der EU-Kommission Auf beispielloser Talfahrt

Bei der Lektüre dieser Zahlen möchte man sich sofort die Atemmaske aufsetzen und den Abstand zum nächsterreichbaren Zeitgenossen überprüfen. Europas Wirtschaft befindet sich auf einer beispiellosen Talfahrt. Diese Nachricht ist heftig genug. Allerdings besteht die eigentliche Dramatik dieser Konjunkturprognose der Europäischen Kommission in der Tatsache, dass bisher niemand sagen kann, ob die Datenbasis verlässlich ist.

Von Detlef Drewes
Paolo Gentiloni, Wirtschaftskommissar der EU, spricht während einer Pressekonferenz zu den EU-Frühjahrsprognosen.
Paolo Gentiloni, Wirtschaftskommissar der EU, spricht während einer Pressekonferenz zu den EU-Frühjahrsprognosen. Foto: dpa

Denn: Es könnte auch noch schlimmer kommen, sollte der Kampf gegen das Virus nicht so erfolgreich wie erhofft verlaufen. Eine zweite oder gar dritte Welle wäre verheerend. Vielleicht hat die Brüsseler Behörde ihre wacklige Vorhersage auch deshalb an diesem Tag platziert. Denn man weiß, dass in allen Mitgliedstaaten die Geduld der Bürger mit den Einschränkungen zunehmend erschöpft ist.

Gegenmittel heißt Zusammenarbeit

Die Zahlen aus Brüssel sind sozusagen das geringste Übel, obwohl sie einen beispiellosen ökonomischen Rückschlag zeigen. Das Gegenmittel heißt Zusammenarbeit. Denn um die errechnete Erholung im nächsten Jahr schaffen zu können, brauchen die Mitgliedstaaten den Binnenmarkt und die gemeinsame Kooperation über nicht mehr geschlossene oder strikt kontrollierte Grenzen hinweg. Wer in dieser Situation versucht, alleine klarzukommen, hat schon verloren. Das ist die klare Botschaft an die Regierungen der Mitgliedstaaten.

Die EU mag am Anfang, als es um die solidarische Hilfe für Infizierte ging, versagt haben. Sie wird aber jetzt, wenn der Wiederaufbau ansteht, zum Garanten für gegenseitige Unterstützung. Auch wenn die Krise – stets vorausgesetzt, dass es nicht doch noch zu einem erneuten Lockdown kommen muss – erst 2022 überwunden sein dürfte, so kann eine Heilung der entstandenen Schäden nur gemeinsam gelingen.

Union braucht offene Grenzen

Das Gutachten der Kommission zeigt das an einem Beispiel besonders deutlich: Tourismus. Kaum ein Wirtschaftsbereich sei für alle Mitgliedstaaten in gleichem Ausmaß wichtig. Deshalb muss mit den Lockerungen in den einzelnen Ländern auch die Öffnung zueinander einhergehen.

Die Union braucht offene Grenzen für ihre Produkte und Dienstleistungen, für Urlauber und Geschäftsleute, für die Wiederaufnahme des Flug- und Handelsverkehrs. Sie benötigt den freien Zugang zu den Feriengebieten, die für weite Teile der Länder überlebenswichtig sind. Wenn die Regierungen diese zentrale Botschaft des Frühjahrsgutachtens verstehen, wird der Mai zu dem Monat, an dem der Wiederaufbau beginnt – auch mit Schutzmaske und Mindestabstand.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7398793?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198306%2F2269031%2F