Kommentar zum 8. Mai 1945
Niederlage und Befreiung

In Hunger, Angst und Demütigung des Jahres 1945 werden es die meisten Deutschen nicht so empfunden haben: Aber der 8. Mai ist der Tag der Befreiung der Deutschen von der – selbst gewählten – NS-Diktatur. Ohne die totale Niederlage wäre diese Terrorherrschaft, die Europa, ja die halbe Welt mit Krieg, Tod und Zerstörung überzogen hat, nicht zu beenden gewesen. Es ist das Verdienst Richard von Weizsäckers, dies als Bundespräsident 1985 ausgesprochen zu haben.

Mittwoch, 06.05.2020, 03:27 Uhr aktualisiert: 07.05.2020, 19:32 Uhr
Bundespräsident Richard von Weizsäcker hält seine vielbeachtete Rede im Bonner Bundestag am 8. Mai 1985 während der Feierstunde zum Ende des 2. Weltkrieges vor 40 Jahren. Foto: dpa

In den vier Jahrzehnten seit der Kapitulation war da im Westen Deutschlands längst ein demokratischer Rechtsstaat herangewachsen, durch dessen Grundgesetz sich das „Nie wieder“ von Artikel zu Artikel zieht: von der unantastbaren Würde des Menschen bis zur Unverletzlichkeit der Wohnung, dem Recht auf Kriegsdienstverweigerung, dem Asylrecht oder dem Verbot, Deutschen die Staatsbürgerschaft zu entziehen.

Nicht wenige der Mütter und Väter des Grundgesetzes wussten sehr genau, weshalb sie auf diese Rechte pochten; sie hatten die Schrecken der NS-Diktatur, hatten Verfolgung, Exil und Ausbürgerung am eigenen Leib erlebt.

Trotzdem hat es Jahrzehnte gedauert, bis die Deutschen endlich die Verbrechen ihrer Geschichte, ihres Landes, ihrer Streitkräfte im ganzen Ausmaß in den Blick nehmen konnten. Es ist eine Schande, wie unwillig Staatsanwälte und Richter in den ersten Jahren der Bundesrepublik NS-Verbrechen verfolgten. Manche Kontinuität ist im Rückblick erschreckend. So stufen Historiker heute die ersten vier Chefs der neuen, demokratischen Polizei in NRW als vorherige NS-Täter ein.

In schmerzhaften Debatten – von Brandts Kniefall bis zur Wehrmachtsausstellung – hat sich die Gesellschaft der Bundesrepublik schließlich der NSGeschichte gestellt. Das hat Vertrauen geschaffen bei den Nachbarn, die Opfer deutscher Verbrechen geworden waren. Erst dieses Vertrauen der einstigen Kriegsgegner in die deutsche Demokratie hat die europäische Einigung ermöglicht. Letztlich war es auch dieses Vertrauen, das die deutsche Einheit zugelassen hat, nachdem die Ostdeutschen, deren Befreiung vom Nationalsozialismus in neue Unterdrückung gemündet hatte, die SED-Diktatur friedlich abräumten.

Wer den 8. Mai heute noch nur als Tag der Niederlage sieht, sollte über sein Verhältnis zu Grundgesetz und Demokratie nachdenken – denn beides gäbe es nicht ohne den 8. Mai 1945.

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