Kommentar zum Ruf nach Prämien
Sozial ungerecht und teuer

Die Autoindustrie und die mit ihr verbundenen Wirtschaftszweige sind ein extrem wichtiger Stützpfeiler des deutschen Wohlstands. Daran gibt es keinen Zweifel. Verständlich also, dass die Bundesregierung auf die Sorgen der Hersteller hört.

Montag, 04.05.2020, 07:39 Uhr aktualisiert: 05.05.2020, 06:48 Uhr
Der Ruf der Autobranche nach Kaufprämien wird lauter. Foto: dpa

Zwei Millionen Arbeitsplätze hängen direkt oder indirekt von der Branche ab. Doch dem wenig einfallsreichen Ruf der Hersteller nach Kaufprämien sollten Bundes- und Landesregierungen nicht blind folgen. Eine solche Maßnahme, wie sie sich VW-Chef Herbert Diess und und andere wünschen, wäre sozial ungerecht, ökologischer Wahnsinn und extrem teuer.

Denn ein Blick in die jüngere Geschichte verdeutlicht, welche Risiken und Nebenwirkungen eine solche Prämie unabhängig von der Antriebsart hätte. Als Folge der weltweiten Finanzkrise, deren Auswirkungen die exportabhängige Autoindustrie besonders hart trafen, spendierte die Bundesregierung fünf Milliarden Euro für die sogenannte Abwrackprämie. Es war eine der teuersten Konjunkturspritzen aller Zeiten – mit beschränkten Effekten.

Zwar stiegen kurzzeitig die Verkaufszahlen um 500 000 Stück (auf 3,8 Millionen Fahrzeuge in 2009 nach durchschnittlich 3,5 Millionen in den Jahren 2000 bis 2008). Im Jahr danach brach der Absatz jedoch auf 2,9 Millionen ein, denn ein Auto kaufen die Menschen nicht jedes Jahr. Wer also jetzt nach Kaufprämien schreit, muss damit rechnen, dass die Autobranche nur sehr kurzfristig profitiert, wenn überhaupt. Zumal sich auch viele Privathaushalte in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage befinden und eine so große Investition wie die für ein Auto derzeit möglicherweise gar nicht stemmen wollen oder können.

Hinzu kommt, dass solche Prämien soziale Ungerechtigkeiten mit sich bringen. Damals waren es 2500 Euro für einen Neuwagen. Wer ein geringes Einkommen hatte, bekam nicht mehr. Die Mitnahmeeffekte waren groß, der Kreis der Begünstigten recht überschaubar. Und für die Natur und das Klima hat die Aktion nach Berechnungen vieler Experten ohnehin wenig gebracht. Schließlich ist der ökologische Fußabdruck eines Neuwagens zunächst sehr groß. Dafür ein fahrtüchtiges Auto in die Schrottpresse zu werfen, ist das Gegenteil nachhaltigen und ökologisch sinnvollen Wirtschaftens.

Und auch wer jetzt noch zusätzliche Prämien für alternative Antriebe in Erwägung zieht, sollte bedenken, dass zumeist ausländische Hersteller viel weiter mit dieser Technologie sind und bereits mehr Modelle am Markt haben als Volkswagen, BMW und Daimler. Besser wären daher wohl andere Entlastungen für die hiesigen Hersteller, etwa bei der Stromsteuer oder bei einem weiteren Ausbau des Kurzarbeitergeldes.

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