Kommentar zum Berliner Krisenmanagement
Zu sehr auf Sicht

Im internationalen Vergleich steht Deutschland in der Corona-Pandemie wirklich gut da: Das Gesundheitssystem kann bislang den Mehraufwand bewältigen, die Versorgung der Bevölkerung läuft reibungslos, die staatlichen Hilfen von Kurzarbeit bis zu Direktzahlungen für die Wirtschaft sind beispiellos. Die Umfragewerte der Bundesregierung sind also zu Recht gestiegen. Dennoch muss auch ein gutes Krisenmanagement hinterfragt werden.

Dienstag, 07.04.2020, 08:28 Uhr aktualisiert: 07.04.2020, 08:30 Uhr
Berlin: Der Krisenstab der Bundesregierung kommt zu seiner Sitzung zusammen, um über weitere Vorkehrungen gegen das neue Coronavirus Sars-CoV-2 zu beraten. Foto: dpa

Es ist naheliegend und notwendig, in der Krise di dringlichen Probleme zuerst zu bewältigen: Verbreitung des Virus eindämmen, das Gesundheitssystem stützen und Wirtschaftshilfen verteilen. Doch die Regierung steuert in der Corona-Krise zu sehr auf Sicht. Aus Angst vor einer kontroversen Debatte wird die Frage, wann und wie wir das stillgelegte öffent­liche Leben wieder ans Laufen bekommen, einfach gar nicht geführt. Das ist grundfalsch. Es muss eine Strategie geben, wie Schul-, Wirtschafts- und Kulturleben schrittweise in die Normalität zurück­finden. Denn das Virus wird uns ja erhalten bleiben. Auch eine Reihe von Vorsichtsmaßnahmen und Vorkehrungen werden die Bürger vermutlich bis über den Sommer hinaus einhalten müssen. Das muss aber nicht Verzicht auf der ganzen Linie bedeuten.

Warum sollen bei einer verlangsamten Ausbreitung Geschäfte mit Einlasskontrollen und Sicherheitsabständen für Personal und Kunden nicht wieder öffnen können? Kann der Schul- und Hochschulbetrieb vielleicht im Schichtsystem wieder anlaufen? Sind auch Kino- und Theatervorstellungen mit der Hälfte der Platz­belegungen möglich?

Solche Modelle müssen diskutiert, organisiert und erprobt werden. Darüber zu schweigen, ist wirklich nicht zielführend. Man darf der Debatte nicht aus dem Weg gehen, nur weil sie anstrengend ist. Auch die Frage nach einem Mundschutz bleibt. Klar ist, dass die Mund- und Nasenbedeckung einen selbst nur dann schützt, wenn man ein echtes Medizinprodukt trägt. Diese Ware ist aber so knapp, dass sie Pflegepersonal und Ärzten vorbehalten sein sollte.

Keine gute Lösung wäre es, den Jungen und Gesunden wieder die freie Bewegung im öffentlichen Raum zu gestatten, während die Alten und Vorerkrankten zu Hause bleiben sollen. Erstens wäre das schlicht unsolidarisch, und zweitens gibt es zu viele Familien im Land, die ein enges Miteinander der Generationen pflegen und eine ­solche Trennung kaum praktizieren könnten.

Kommentare

Paul Schneider  wrote: 07.04.2020 11:01
Zu sehr auf Sicht
Ich kann dieser und der vorigen Regierung kein Lob zollen und verweise noch einmal auf die Bundestagsdrucksache 17/12051 vom 03.01.2013. Hier finden wir eine "Risikoanalyse Pandemie durch Virus Modi SARS". Auffallend ist hier die Feststellung, dass man der Bevölkerung Angst machen müsse. Und das ist der Regierung auffallend gut gelungen, indem man die Bevölkerung mehr oder weniger in ihre Wohnungen und Häuser einsperrt und sie diese nur aus bestimmten Gründen verlassen darf. Ich frage mich, in welchem Verhältnis diese einschneidenden Massnahmen mit dem Bruch der Verfassungsrechte stehen? Auch wenn ich durch diese Massnahme eine Chance der Neuorientierung sehe, finde ich es unerhört, den Schutz der Gesundheit in den Vorgerund zu stellen. M. E. ist die Krise aufgeblasen und man will die Angst der Menschen nutzen, die Verfassungsrechte durch Notstandsgesetze zu kippen. Es geht um Ermächtigungsgesetze, die sicherlich nicht nur temporär gelten sollen. Und es ist zu erwarten, dass die Massnahmen noch verschärft werden und massiv verlängert werden. Vielleicht sogar bis ins Jahr 2021. Jetzt gibt es erst einmal Helikoptergeld. Und dann kommt ganz sicher die Hyperinflation. Und der jetzigen Gefangenschaft folgt der Trümmerhaufen.
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