Kommentar zur Starmer-Wahl Ein anderes Kaliber

Das altlinke Experiment des Corbyn-Flügels in der britischen Labour-Partei ist im Dezember krachend gescheitert. Mit Sir Keir Starmer und seiner Stellvertreterin Angela Rayner hat die altehrwürdige Arbeiterpartei nun mit großer Mehrheit zwei gemäßigte Politiker an ihre Spitze gewählt.

Von Dorle Neumann
Sir Keir Starmer.
Sir Keir Starmer. Foto: dpa

Sie werden nicht mehr mit Rezepten und Parolen aus dem vergangenen Jahrhundert aufwarten. Der Weg zurück an die Regierung dürfte aber ein längerer sein – wenn sich Boris Johnson in diesen Krisenzeiten nicht schneller als von vielen Kritikern gedacht als inkompetenter Schwätzer entlarvt.

Es geht um Menschenleben

Denn eines dürfte selbst dem Premier aufgefallen sein. Seine bisherige Strategie, vollmundige Versprechen zu machen, deren Einhaltung ihn dann nichts mehr schert, um die Wähler auf seine Seite zu ziehen, funktioniert in Coronazeiten nicht. Jetzt müssen schnell vernünftige Beschlüsse gefasst werden – es geht wirklich um Menschenleben. Und das spüren die Briten.

Diese Beschlüsse müssen auf den sich täglich ändernden Fakten und wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen – genau dies aber hat Johnson in der Vergangenheit stets ignoriert. Starmer ist wahrlich kein sehr charismatischer Typ, aber er hat eine beachtliche juristische Karriere gemacht, ist ein Politiker der analysierenden, besonnenen Art. Also eigentlich genau das, was man sich in einer solchen schweren Krise als Premier wünschen würde ...

Pragmatiker beim Brexit

Drei Dinge haben die Labourpartei bei den Wählern durchfallen lassen: in erster Linie der zwar bei der Parteibasis, aber nicht bei den Parlamentariern beliebte Jeremy Corbyn, zudem dessen mangelnde Distanz zu antisemitischen Tönen in seiner Partei und dann der Schlingerkurs in Sachen Brexit. Auf Starmers Agenda wird also ein klarer Kurs als verantwortungsbewusste Opposition stehen. Seine Haltung zum Antisemitismus lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig – seine Frau Victoria ist Jüdin.

Beim Brexit ist er Pragmatiker. Er wollte ihn nicht, fordert jetzt aber eine vernünftige, wirtschaftsfreundliche Lösung. Johnsons Gegenpart ist ein anderes Kaliber als Corbyn – es wird endlich wieder spannend an der Themse.

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