Kommentar zum WDR-Skandal
Aufstand gegen den Anständigen

Wenn sich der WDR-Intendant und amtierende ARD-Vorsitzende bei einer in einem Beitrag aus seinem Hause verunglimpften und beleidigten großen Bevölkerungsgruppe entschuldigt, dann handelt er klug. Und vor allem: Er beweist Anstand.

Sonntag, 05.01.2020, 20:42 Uhr aktualisiert: 05.01.2020, 20:50 Uhr
Demonstranten der Partei «Alternative für Deutschland» (AfD), und von «Köln gegen rechts» stehen einander auf dem Domvorplatz gegenüber, während die Polizei die Lager trennt. Foto: Roberto Pfeil/dpa

Tom Buhrow hat die Tragweite der Reaktionen auf die Verfehlung richtig eingeschätzt. Denn mitnichten handelt es sich bei der Kritik am WDR-Kinderchor-Video („Meine Oma ist ne alte Umweltsau“) um einen von „Rechten“ erzeugten Shitstorm gegen den WDR. Dass die Gegner der öffentlich-rechtlichen Sender den Skandal nutzen wollen, ist ebenso klar wie die Tatsache, dass diese Gegner in der AfD überproportional vertreten sind. Aber deswegen ist nicht jeder Kritiker des „Umweltsau“-Videos ein AfD-Anhänger.

ARD und ZDF zu begleiten und bei Verfehlungen zu kritisieren ist nicht „rechts“, sondern eine staatsbürgerliche Selbstverständlichkeit. Gerade weil es sich um ein durch Zwangsgebühren finanziertes System handelt, gegen deren Zahlung man sich nicht wehren kann, ist hier noch viel mehr öffentliche Aufmerksamkeit geboten als bei den Privatsendern, die sich über Werbeeinnahmen tragen müssen.

Der Rechtfertigungsversuch der WDR-Redakteure ist ein Eigentor, weil sich alle bestätigt fühlen dürfen, die öffentlich-rechtlich beschäftigte Journalisten für Volksbelehrer und Volkserzieher halten. Und der Vorwurf der Redakteursvertretung gegen Tom Buhrow zeigt obendrein, dass die Kölner Radio- und Fernsehmacher ein Eigenleben ohne ausreichende Kontrolle führen können und von ihren normalen Hörern und Zuschauern weit entfernt sind.

Die Reaktion offenbart ein fragwürdiges Denken: Im WDR-Kosmos glauben manche wohl, alles machen zu können, was sie wollen, weil sie sich für unangreifbar halten. Die WDR-Redakteure, die das „Umweltsau“-Video als Satire verkaufen wollen und sich in dem internen Schreiben gegen ihren Intendanten in Stellung bringen, müssen sich eines fragen lassen: Verfolgen sie in ihrer Tätigkeit eine weltanschauliche, ideologische Agenda? Wenn ja, dann sind sie mehr Aktivisten als Journalisten.

Leider verfestigt sich der Eindruck, dass die ARD-Sender aus den vergangenen Jahren – zum Beispiel aus der Kritik am „Framing Manual“ und dem Vorwurf der Gehirnwäsche - immer noch nichts gelernt haben, sondern die Situation weiter verschlimmern und mit der Beleidigung der Großelterngeneration zur Spaltung der Gesellschaft beitragen.

Für Dienstag ist beim WDR eine Redakteursversammlung angesetzt. Tom Buhrow ist eingeladen und soll seine Teilnahme bereits zugesagt haben. Kommt es da zum Aufstand gegen den Anständigen? Der Intendant wird seinen Leuten wohl erklären müssen, dass der „Umweltsau“-Skandal seine Verhandlungsposition als ARD-Vorsitzender gegenüber der „Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs“ (KEF) nicht unbedingt verbessert hat. Die KEF-Experten werden im Februar ihren Bericht vorlegen, der eine Empfehlung für die Höhe des monatlichen Rundfunkbeitrags für den Zeitraum von 2021 bis 2024 enthält. Es heißt, dass der WDR bereits Fachleute für Krisenkommunikation engagiert haben soll. Dafür werden Kosten in Höhe von einer halben Million Euro kolportiert.

Sollte der WDR wirklich mit Geld aus den Rundfunkbeiträgen Experten dafür bezahlen, die Erhöhung dieser Beiträge öffentlich zu rechtfertigen, wäre das ein starkes Stück.

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