Kommentar zu Psychische Erkrankungen
Es gibt viel zu tun

Die Zahlen klingen alarmierend: Fast jeder sechste Fehltag von Arbeitnehmern geht nach Angaben des jüngsten BKK-Gesundheitsreports auf eine psychische Erkrankung zurück. Depressionen oder Burn-out liegen damit inzwischen gleichauf mit Krankheiten wie Grippe oder Husten.

Donnerstag, 05.12.2019, 21:02 Uhr aktualisiert: 05.12.2019, 21:04 Uhr
Symbolbild. Foto: dpa

Die Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen sind im Vergleich zum Vorjahr mit 5,4 Prozent am stärksten angestiegen. Doch was uns erschrecken mag, hat durchaus auch eine positive Seite: Denn dass heute in der Arbeitswelt seelische Erkrankungen nicht mehr zwangsläufig und beinahe um jeden Preis verheimlicht werden (müssen), hätte man noch vor wenigen Jahren wohl kaum für möglich gehalten.

Und wenn ein Tabu fällt, ist es beinahe logisch, dass die Zahlen steigen. Die zunehmende Offenheit der Gesellschaft aber, dass nicht automatisch „verrückt“ ist oder sich „doch bloß anstellt“, wer psychische Probleme hat, ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Denn Krankheitseinsicht ohne falsche Scham ist für die Betroffenen nicht selten der erste Schritt zur Besserung.

Beunruhigend bleiben die Erkenntnisse der Gesundheitsforscher trotzdem. Denn sie machen sichtbar, was ohnehin jeder weiß. Unser Leben ist schneller und die Arbeitswelt fordernder geworden. Digitalisierung und Globalisierung bieten riesige Chancen, aber sie haben eben auch ihren Preis. Die Unternehmen täten also gut daran, ausreichend und mitunter mehr als bisher in die Gesunderhaltung ihrer Mitarbeiter zu investieren – erst recht in Zeiten des Fachkräftemangels und der bevorstehenden Verrentungswelle der Babyboomer- Generation. Und nicht nur für junge Bewerber ist das Gesundheitsmanagement einer Firma längst ein Standortfaktor.

Auch ist es die Aufgabe der Unternehmen, die eigenen Beschäftigten ein Berufsleben lang so weiterzubilden, dass sie sich den immer schneller verändernden Anforderungen in der Arbeitswelt auf lange Sicht gewachsen sehen. Ein Betrieb, der das nicht tut, gefährdet seine Existenz – denn in Deutschland, wo Rohstoffe knapp sind, bleiben allein die Mitarbeiter, ihr Know-how, ihre Einsatzbereitschaft sowie ihre dauerhafte Leistungsfähigkeit als wahres Firmenkapital.

Eine Garantie aber, dass niemand mehr psychisch erkrankt, wird es auch bei bester Vorsorge nicht geben. Und dass die vom deutschen Gewerkschaftsbund geforderte „Anti-Stress- Verordnung“ da Abhilfe schafft, darf auch bezweifelt werden.

Hier ist dann doch eher die Politik gefordert. Das aktuell größte Ärgernis dürfte dabei sein, dass Betroffene oft viel zu lange warten müssen, bis sie einen Termin für eine psychotherapeutische Behandlung bekommen. Dabei mangelt es nicht an potentiellen Therapeuten, sehr wohl aber an Therapeuten, die mit den Krankenkassen abrechnen dürfen. Denn die Zahl der Kassensitze wird durch die Kassenärztlichen Vereinigungen künstlich knapp gehalten. Herr Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, bitte übernehmen Sie!

Kommentare

Paul Schneider  wrote: 06.12.2019 07:23
Es gibt viel zu tun
Psychische Erkrankungen durch die Arbeitsbelastung gab es immer schon und wurde durch die Industrialisierung verstärkt. Im Gegensatz zu Deutschland gehört in den USA der/die Therapeut/in zum alltaeglichen Leben dazu. Dort bekennt man offen, dass man zu seinem Therapeuten geht. In der Regel ist es der Psychiater. Und hat sich dadurch der Krankenstand günstig entwickelt? Nein! Nur durch das Gesundheitsengagement der meisten Firmen mit einem umfanfreichen Fitness-Programmen haben eine positive Auswirkung. So haben z B. die Firmen in Silicon Valley Personal-Trainer und physiotherapeutische Angebote, die intensiv genutzt werden. Ein Erfolg gegen psychische und/oder traumatische Beschwerden.
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