Kommentar zur AfD im Osten
Arbeiter wählen jetzt rechts

Dass die AfD in den vermeintlich abgehängten Gebieten des Ostens vorne liegen würde, war vermutet worden. Überraschender sind die anderen Befunde der Wahlanalyse. Die Rechtspopulisten schneiden in den mittleren Altersgruppen am besten ab. Es sind also keineswegs nur Wendeverlierer, die für sie gestimmt haben.

Dienstag, 03.09.2019, 06:59 Uhr aktualisiert: 03.09.2019, 07:02 Uhr
»Mut zu Deutschland« steht auf einem Wahlplakat von AfD vor einem Gartenzaun im Ortsteil Groß Krauscha der Gemeinde Neißeaue. Hohe Arbeitslosigkeit, Grenzkriminalität und schlechte Infrastruktur: Die Unzufriedenheit der Bürger im ländlichen Raum rund um Görlitz schlägt sich auch in den Wahlergebnissen nieder. Hier haben 48,4 Prozent der Wähler bei der Landtagswahl ihre Zweitstimme der AfD gegeben. Foto: dpa

Und sie sind unter den Arbeitern die klar stärkste Partei geworden. In Sachsen kommt die AfD in dieser Berufsgruppe auf 41 Prozent. Die traditionellen Arbeiterparteien SPD und Linke erreichen nur 15 Prozent – zusammen. Ähnlich in Brandenburg .

Bei SPD und Linken dürfte das Werk des französischen Soziologen Didier Eribon, »Rückkehr nach Reims«, nun wohl stärker nachgefragt sein. Er hat für Frankreich analysiert, warum die Arbeiterklasse von ganz links nach ganz rechts wandert. Ein Befund: Nationalismus und Rassismus waren dort nie verschwunden. Ein weiterer: Diese Schicht reagiert sehr sensibel auf Veränderungen und neue Konkurrenzen.

Im deutschen Osten kommt noch eine spezielle kulturelle Prägung hinzu: Ökologie, antiautoritäre Erziehung, multikulturelles Zusammenleben, demokratischer Diskurs – all das sind Westimporte, gelebt vor allem in den Großstädten.

Der Osten ist eine Region, in der andere Werte dominieren: Deutsch sein, Ordnung, Sauberkeit. Mit Polen und Tschechien hat man zudem Nachbarn, die kulturell ähnlich homogen und noch dazu relativ arm sind, so dass es auch von dort kaum Impulse gibt.

Sahra Wagenknecht hatte für die Linke schon vor Jahren Konsequenzen angemahnt, vor allem in der Flüchtlings- und Migrationspolitik. Ebenso ihre Ehemann Oskar Lafontaine. In der SPD flammte die Debatte nur kurz auf, als man nämlich registrieren musste, dass die dänischen Sozialisten mit hartem Kurs gegen Migranten Erfolge feierten. Auch ließen Andrea Nahles und ihr Vorgänger Sigmar Gabriel manchmal eine Ahnung von der Problematik durchschimmern.

Doch in beiden Parteien dominieren akademische Milieus. Beiden ist der emotionale Bezug zur Arbeiterschaft weitgehend verloren gegangen. Dafür müssten sie mit ihren sozialen Forderungen wie Grundrente, faire Arbeit und Vermögenssteuer radikaler werden, ganz besonders die SPD. Und in der Migrationspolitik sowie bei der inneren Sicherheit restriktiver, ganz besonders die Linke. Au­ßerdem müssten sie sich auf Alltagsthemen konzentrieren.

Bisher sind Debatten darüber bei SPD und Linken tabu – während in der AfD der Höcke-Flügel an einer national-sozialen Programmatik arbeitet, die das Flüchtlingsthema ergänzen soll. Derzeit noch mit erheblichen inneren Widersprüchen, etwa bei der Rente. Doch wenn der AfD das gelingen sollte, wird es für SPD wie Linke auch im Westen schwierig.

Kommentare

Ulrich Zumbrock  wrote: 03.09.2019 19:47
Unglaublich
Unglaublich, dass ich das noch erleben darf! Endlich mal keinen Haltungsjournalismus. Sehr gut analysiert Herr Kolhoff. Und das wird für die Kartellparteien hier im Westen ein großes Problem, wenn es der AfD gelingt ein schlüssiges nationales Rentenkonzept und Sozialkonzept zu entwickeln. Ich habe es mit meiner Familie immer wieder erlebt. Von den Linken bis in die CDU keinen Sinn für die aktuellen Alltagsthemen. Durch in der letzten Zeit häufigeren Besuchen in den neuen Bundesländern erleben wir immer wieder Sauberkeit, Ordnung und Deutsch sein. Wenn ich dann an meinen Wohnort in NRW denke....
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