Kommentar zum deutschen WM-Aus Weg mit Löw? So leicht ist das nicht

Auf der Anklagebank saß Joachim Löw gar nicht, es kam ihm vielleicht so vor. Die Rechtfertigung, die der Fußball-Bundestrainer vorzubringen hatte, war mit einem Unterton versehen, der nach Entschuldigung klang: Er habe nach »bestem Wissen und Gewissen« aufgestellt. Beides musste ihm also die Namen von Özil und Khedira eingeflüstert haben, die er trotz unzureichender WM-Darbietung überraschend wieder zurück ins Spiel nahm gegen Südkorea. Ein »Impuls« hätte das sein sollen, sagte der DFB-Chefcoach, von seinem Instinkt ist Löw in diesem Fall leider verlassen worden.

Von Friedrich-Wilhelm Kröger
Packt er auch bald beim DFB seine Sachen packen? Bundestrainer Joachim Löw.
Packt er auch bald beim DFB seine Sachen packen? Bundestrainer Joachim Löw. Foto: dpa

Nun bleibt der Schwarzwälder immer noch der Weltmeistertrainer von 2014. 2018 ist er allerdings ein Trainer, der nicht einmal mehr die Vorrunde überstand. Einen Waschgang, der diesen Fleck von der Weste beseitigt, gibt es nicht. So was bleibt. Der Deutsche Fußball-Bund wird Löw nicht vom Hof jagen deswegen, und ob er sich selbst entlässt, weiß der 58-Jährige, der erst 46 war, als er anfing, so kurz nach dem Desaster auch noch nicht so genau.

Einige seiner Entscheidungen sind zu hinterfragen, mit der Nibelungentreue zu seinen behäbigen Weltmeistern machte Löw in Russland gemessen am Confed Cup vor einem Jahr einen Schritt zurück. Legte die siegreiche und motivierte Alternativformation damals die Absicht zur Runderneuerung nah, so stellt sich das nun anders dar. Löw wollte das Vermögen der amtierenden Champions-Generation offenkundig ein letztes Mal ausreizen, es ging grandios schief. Vom hohen Ross sind sie gefallen.

Nationalmannschaft schwebt längst über der Basis

Mit dem von schlaffer Körpersprache kongenial unterstützten Baldrian-Fußball war ein Weiterkommen schlechterdings unmöglich, zumal der typische Reflex der vermeintlich Kleinen, Angst vor dem Titelverteidiger zu haben, schlicht nicht mehr vorhanden ist. Zwischendurch wollte Löw zeigen, dass er in sich ruht und die Dinge sich schon richten lassen, da posierte er an einem Laternenpfahl in Sotschi, und die Fotografen schossen ihn nur allzu bereitwillig ab bei dieser gestelzten Geste.

Den Gegenentwurf gab’s dann später, als ein hibbeliger Bundestrainer hypernervös an der Seitenlinie herumfuchtelte. Geholfen hat es nicht. Und nun? Soll er bleiben? Muss Löw weg? So einfach ist das nicht, es schwimmen kaum Fische im Kandidaten-Pool. Wichtigste Frage daher: Hätte er überhaupt die Inspiration und das Interesse, den Job sozusagen noch einmal neu zu beginnen?

Auch das Verhältnis zum Team-Manager Oliver Bierhoff spielt eine Rolle. Der Quartier-Zwist Watutinki vs. Sotschi (zugespitzt: Karo einfach gegen Fünf Sterne) ist zu nennen, wobei es natürlich komplett lächerlich wäre, den spröden Sportschulencharme verantwortlich zu machen für das Dahinscheiden. Die – zugegeben subjektive – Beobachtung ist, dass dieser ausschließlich selbst eingebrockte und von Störfeuern wie der Erdogan-Gündogan-Özil-Entgleisung mit heraufbeschworene K.o. wenig bis gar kein Mitgefühl auslöst.

Das liegt auch daran, dass die Nationalmannschaft längst über der Basis schwebt und sich als trendy Lifestyle-Einrichtung anbiedert. Slogans wie »Best never rest«, das erst recht unsägliche #zsmmn oder das bewusst kommerziell komponierte »Fanclub der Nationalmannschaft powered by CocaCola« lösen das Team immer noch weiter vom Traditionellen und deuten an, dass die Marketing-Maschine auf weit höherer Drehzahl läuft als der gerade abservierte Weltmeister.

Aber bitte: Deutschland hat wirklich andere Sorgen im Augenblick, und mehr als Fußball ist es dann auch wieder nicht.

Kommentare

Weg mit Löw

Wie Prof. em. Dr. rer. soc.Martin Doehlemann 2004 feststellte, "haben wir keine Kultur des Verlierens." Darum ist es auch müssig, das "Ausscheiden" der DFB-Elf zu kommentieren und irgendwelche Etiketten des Bedauerns auszusprechen. Vor allen Dingen können Fussball-Millionäre innerlich keine Niederlagen verkraften. Vielleicht sollten unsere Kicker einmal das Buch von Doehlemann "Absteiger" lesen, um zu erkennen, dass sie allein für den Misserfolg verantwortlich sind. Vielleicht gelingt es ihnen für einen Augenblick vom "Statusmenschen" zu einem "Sinnesmenschen" zu wechseln? Aber da habe ich meine Zweifel. Denn diese Blamage hat keine finanziellen Verluste zur Folge. Und es droht auch nicht das Abrutschen in die Armut. Nun sind "Erlösungsphantasien" gefragt, die ich beim gesamten DFB nicht sehe. Alle betrachten sich als "Macher", also als Siegertypen. Sie sind uneinsichtig.

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