Kommentar zum Einsatz im Flüchtlingsheim Das Problem heißt nicht Ellwangen

Wer sich gestern das Online-Portal einer großen Boulevard-Zeitung anschaute, musste den Eindruck bekommen, in Ellwangen finde gerade eine Entscheidungsschlacht statt .

Von Werner Kolhoff
Polizeifahrzeuge stehen vor der Landeserstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Ellwangen.
Polizeifahrzeuge stehen vor der Landeserstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Ellwangen. Foto: dpa

Die Berichterstatter waren »live dabei«, es ging um ganz Großes: »Ein Mob will in Deutschland die Straßen beherrschen.« Und der neue Innenminister Horst Seehofer (CSU), der sich von besagter Zeitung schon länger Themen und Tonlage diktieren lässt, sprach von einem »Schlag ins Gesicht der rechtstreuen Bevölkerung«.

Ellwangen hat aus dieser Sicht das Zeug, so etwas wie eine neue Silvesternacht von Köln zu werden. Gefangenenbefreiung durch 150 Bewohner eines Flüchtlingsheims. Polizisten, die den Rückzug antreten. Ein dreist wirkender Flüchtling aus Togo, der sich am Tag danach interviewen lässt und sagt: »Ich lasse mich von keinem zurückbringen.« Tanzen die Flüchtlinge dem Rechtsstaat auf der Nase herum? In den sozialen Netzwerken versuchten die Rechten nach Kräften, an diesem Bild zu malen.

Doch man muss mal die Kirche im Dorf lassen. Es ging hier nicht um einen Schwerkriminellen, sondern um die Rückführung eines Asylbewerbers nach Italien, weil er dort zuerst seinen Antrag gestellt hatte. Und der Rechtsstaat ist nicht eingeknickt, sondern mit verstärkter Mannschaft wieder angerückt . Die Unruhestifter wurden auf andere Unterkünfte verteilt, der Mann aus Togo in Abschiebehaft genommen.

Das war kein »Mob« gegen Deutschland, sondern eher ein Hinweis darauf, was passiert, wenn man mit der Abschiebung abgelehnter Asylbewerber ernst macht. Es sind nicht alles Waisenknaben, die da über das Mittelmeer gekommen sind. Aber eben auch keine Staatsfeinde. Es sind vor allem Leute, die alles tun, um eine Abschiebung zu verhindern. Darauf wird sich Horst Seehofer in seinen neuen »Ankerzentren« einzustellen haben.

Wer meint, die Vorgänge von Ellwangen seien typisch für Flüchtlinge, der möge mal die beiden Worte »Mob« und »Polizei« googeln. Alkohol, Drogen, Schlägereien, manchmal ist auch nur ein Verkehrsdelikt der Auslöser. Flüchtlinge bilden dabei fast nie den Mob.

Junge Migranten, die länger hier leben, schon öfter. Aber auch Deutsche attackieren die Polizei, beim Saufen im Stadion, im Park, als Gaffer. Der Respekt vor den Beamten ist verloren gegangen – oder er war nie da. Und dann gibt es noch den Mob, der fast täglich irgendwo in Deutschland Hatz auf Mi­granten, Homosexuelle oder Flüchtlinge macht. Und über den es keine Sonderberichterstattung gibt.

Deutschland hat ein Problem, wohl wahr. Aber das heißt nicht Ellwangen. Es heißt Respektlosigkeit, Gewalt und Hass. Man kann nur hoffen, dass die Polizei in diesem Klima besonnen bleibt, wenn es der Innenminister schon nicht ist.

Kommentare

Das Problem heisst nicht Ellwangen

Das Problem heisst permanter Bruch des "Dubliner Abkommens", des geltenden Asylrechts und des EU-Asylpaktes von 2008. Das Problem ist die polizeiliche Dienstanweisung, wie in Hamburg, dass den Beamten untersagt wird, Straftaten von Asylanten zu verfolgen. Das Problem ist, dass wir uns konsequent gegen den Rassismus wenden, den Terrorismus aber akzeptieren. Oder wie es das zu verstehen, wenn ein Asylant sich selbst bei der Polizei anzeigt und nicht abgeschoben werden kann? Warum werden nicht im umgekehrten Sinne Rechtsvorschriften gebrochen, wenn jemand hier das Gastrecht verwirkt hat und mit oder ohne Rücksicht auf das Herkunftsland abgeschoben wird?

1 Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.