Polizeigewalt in den USA Umdenken hat begonnen

Von Thomas J. Spang

Schwarze werden vor dem US-Gesetz oft immer noch nicht gleich behandelt. Das gesellschaftliche Bewusstsein dafür ist in nach wiederholten Fällen von Polizeigewalt gegen Afro-Amerikaner gestiegen.
Schwarze werden vor dem US-Gesetz oft immer noch nicht gleich behandelt. Das gesellschaftliche Bewusstsein dafür ist in nach wiederholten Fällen von Polizeigewalt gegen Afro-Amerikaner gestiegen. Foto: dpa

Ein Jahr nach dem tragischen Tod des 18-jährigen Michael Brown in Ferguson dämmert den Amerikanern, dass etwas nicht stimmt mit der Art, wie Schwarze von Polizei und Justiz in den USA behandelt werden. Erkennbar wird ein Muster, das die Betroffenen nur zu gut kennen.

Die Übergriffe beginnen oft genug mit einer Bagatelle. Jemand geht wie Brown in Ferguson mitten über die Straße. Oder vergisst wie Sandra Bland in Houston vor dem Wechsel der Spur zu blinken. Eric Garner verkaufte auf Staten Island ohne Genehmigung Zigaretten. Während Freddie Gray in Baltimore einfach so davonlief, als er einen Polizeiwagen sah. Bei Walter Scott in North Charleston war es ein kaputtes Rücklicht, das ihn verdächtig machte.

Jedes Mal eskalierte die Situation und ließ einen unbewaffneten Menschen schwarzer Hautfarbe tot zurück. Erschossen auf der Straße. Erwürgt im Polizeigriff. Erhängt in der Zelle. Ein anderer Ort, dieselbe Geschichte – der sinnlose Tod Michael Browns in Ferguson sensibilisierte die Amerikaner für die unangenehme Wahrheit, dass schwarze Leben immer noch nicht richtig zählen. Eine Untersuchung des US-Justizministeriums aus dem März bestätigte, dass Afro-Amerikaner überdurchschnittlich oft ins Visier der Polizei geraten und dabei unfair behandelt werden.  

Ein Jahr nach Ferguson haben sich in dem Schwarzen-Vorort von St. Louis selbst ein paar Dinge verändert. Die bis dahin ausschließlich weiße Polizei hat schwarze Neuzugänge und einen Afro-Amerikaner als Chef. Das örtliche Gericht reaktivierte einen schwarzen Richter, der dort erstmals seit langem gesunden Menschenverstand walten lässt. Und es gibt Hilfe beim Wiederaufbau der bei den Unruhen zerstörten Geschäfte.

All das hat die klaffenden Wunden nicht vernarben lassen, sondern bestenfalls mit einem Pflaster versehen. Dennoch bedeutet der Tod Michael Browns eine Zäsur, die das Selbstbild der Amerikaner verändert hat. 2013 sagten noch mehr als Zweidrittel in Umfragen, sie fänden die Behandlung der Schwarzen ganz in Ordnung. Heute denken 53 Prozent, das Land müsse mehr tun, den Afro-Amerikanern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Während der Fall Trayvon Martin die öffentliche Reaktion entlang Schwarz und Weiß noch spaltete, führte die regelmäßige Berichterstattung über Polizeigewalt und immer neue Übergriffe zu einem Umdenken. Auch das Entstehen der neuen schwarzen Bürgerrechtsbewegung »Black Lifes Matter« (schwarze Leben zählen) trug dazu bei.

Dass ausgerechnet in der Amtszeit des ersten schwarzen Präsidenten im Weißen Haus die schwersten Rasseunruhen seit den 90er Jahren ausbrachen, erweist sich als Ironie der Geschichte. Und straft die Mär von der post-rassistischen Gesellschaft Lügen. Ein Jahr nach dem Tod Michael Browns ist das Bewusstsein dafür gewachsen.

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