Beatniks, Atomkriegsgegner, Hippies: Die 68er traten nicht voraussetzungslos ins Licht der Geschichte Die große Transformation

Bielefeld (WB). War 1968 das Jahr der »Großen Weigerung«? Herbert Marcuses Begriff verleitet dazu, die Ereignisse zu überhöhen – als ragte der Studentenprotest wie ein monolithischer Block aus dem sozialen Gefüge her­aus. Aber 1968 trat nicht voraussetzungslos ins Licht der Geschichte.

Von Matthias Meyer zur Heyde
Gammler? Keineswegs! Ende der 50er Jahre demonstrierten adrett gekleidete, berufstätige Familienväter gegen die atomare Rüstung.
Gammler? Keineswegs! Ende der 50er Jahre demonstrierten adrett gekleidete, berufstätige Familienväter gegen die atomare Rüstung. Foto: Stadtarchiv Bielefeld

Viel eher sind Dutschke & Co. lautstarke Symbolfiguren einer »Transformationsphase«, an deren Ende die alte Bundesrepublik verschwunden war. Junge Menschen, die sich abseits der Konventionen stellen, hat es zu allen Zeiten gegeben. Und an vielen Orten. Der Politologe Wolfgang Kraushaar (Hamburg) glaubt aber, dass sich »die Wurzeln der wichtigsten Subkulturen der 60er Jahre in einem kleinen, überschaubaren Areal befanden – in der Bay Area von San Francisco«.

Free Speech Movement

Tatsächlich: An der Universität Berkeley nahm im Herbst 1964 das Free Speech Movement seinen Anfang, das »Urmodell« der europäischen Studentenrevolten. Haight-Ashbury, ein Stadtteil von San Francisco, war 1965 die Geburtsstätte der Hippies, der Vorort Oakland 1966 die urbane Keimzelle der militanten Black Power. In Alcatraz vor der Küste formierte sich 1968 das Indian Movement, und an der Castro Street entstand die Schwulenbewegung um den späteren Stadtrat Harvey Milk.

Die ersten Unangepassten nach dem Krieg fanden sich zur heute fast vergessenen »Beat Generation« der Fünfziger zusammen. Mit den Konventionen ihrer von mannigfaltigen Krisen bedroht gewesenen Eltern konnten die »Beatniks« nichts anfangen; sie hörten neue, harte Spielarten des Jazz wie den Bebop, der mit dem sanften Swing der Vorkriegsbigbands wenig gemein hatte. Und sie lasen viel; die Beatniks waren mindestens ebenso sehr von Literatur fasziniert wie von Musik.

Jede soziale Bewegung aber trägt den Keim ihrer Auflösung in sich. Als 1955 in der

Flower-Power in den frühen 60ern: Auch der Kleinwagen wurde mit Blumen geschmückt, wenn die Hippies ihre alternativen Ideen vorlebten. Foto: imago

»Gallery Six« am Embarcadero Place – klar: in San Francisco – Allen Ginsberg sein monumentales Gedicht »Howl« und Jack Kerouac den Roman »On the Road« vorstellten, waren die Beatniks bereits im Mainstream angekommen. Ungeniert baute die US-Gesellschaft die ersten »Gammler« in ihr merkantiles »Another day, another dollar«-Prinzip ein.

Bebop? Cool. Blieb aber elitär. Die traditionale Gesellschaft fasste anfangs auch den Rock’n’Roll nur mit spitzen Fingern an, bis als erstes das Radio begann, sich dem neuen Stil zu öffnen. Deutschland, auch nicht faul, verpeterkrauste den Rock’n’Roll, dass es nur so schmalzte.

Kultur und Business wahrten nicht lange Distanz zu­einander: Im Falle von Beat, Pop und dem Rock der Sechziger spricht der Historiker Detlef Siegfried (Kopenhagen) bereits von echter »Arbeitsteilung« – der kulturelle Underground brachte die Ideen hervor, die umgehend in gut verkäufliche Produkte umgemünzt wurden. Vielleicht nicht Otto Normalbürger, auf jeden Fall aber die Wirtschaft wusste, was sie an den »Gammlern« hatte.

Startrampe der »Beatles« in Hamburg

Bitte sehr: Der Hamburger »Star-Club«, ein ehemaliges Kino, wurde auf Betreiben eines Musikpromoters als Startrampe der »Beatles« in ihre Karriere gegründet, lukrative Plattenverträge und (zaghaftes) Merchandising inklusive. Man erkannte, dass nicht nur Mama und Papa Geld ausgaben, sondern auch die Jugend welches besaß. Da musste doch ranzukommen sein!

Zum Entzücken jener Musikfans, die man nicht schon an die »Beatles« und die »Rolling Stones« verloren hatte, stellte das Business 1965 die »Monkees« auf die Bühne, vier »irre Jungs mit Mut zur Arbeit« (Anforderungsprofil), die weder Noten lesen noch ein Instrument spielen konnten, letzteres aber trotzdem taten. Bis zu »Milli Vanilli« (1990) war es dann allerdings noch ein ziemlich weiter Weg . . .

Wer einen Schritt zurücktritt, um »die Jugend« dekadenübergreifend in den Blick zu nehmen, erkennt Gemeinsamkeiten: Auch die 68er suchten »On the Road« ein Lebensgefühl, das den tradierten Normen nicht unterworfen sein sollte. Wo früher lyrisches Geheul (»Howl«) zu hören gewesen war, rhythmisierte die Jugend jetzt ihr Weltbild in Ho-Tschi-Minh-Rufen. Die Berliner Aktivisten waren gewiss so belesen wie die Beatniks, nur hießen die neuen Idole Herbert Marcuse, Ernst Bloch, Jürgen Habermas und immer aufs Neue Karl Marx.

Und was die Musik angeht: Der »Street Fighting Man« von 1968 wäre kaum denkbar ohne die Rockmusik, ohne E-Gitarren, die zum gewollt verzerrten Begleitgeräusch der Revolte wurden: »Hey! Everywhere I hear the sound of marching charging feet, boy!«

Strafbestand der Volksverhetzung bereits 1960 geschaffen

Der Protest gegen die Altvorderen war lange vor 1968 in der Welt, und er eroberte auch die politische Sphäre. Schon 1946 wurde der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) gegründet, der die Ausstellung »Ungesühnte Nazi-Justiz« organisierte – 1959, fast ein Jahrzehnt vor 1968, als die NS-Vergangenheit der Eltern ein Riesenthema wurde. Kurz darauf befassten sich in Marburg die ersten Studenten mit dem millionenfachen Judenmord der Nazis.

Die Politik reagierte: 1959 erließen die Kultusminister der Länder Richtlinien zum Umgang mit der NS-Zeit in den Schulen. 1960 wurde der Straftatbestand der Volksverhetzung geschaffen. Seit 1961 ist das Gedenken an den 9. November 1938 staatliche Praxis.

Die Medien wachten auf: Durfte noch am 5. Februar 1950 der »Stern« über die in Spandau inhaftierten Kriegsverbrecher schreiben: »Sie alle sind keine Verbrecher, sie sind Gentlemen«, so lief 1960/61 in der ARD die allererste kritisch recherchierte Dokumentation, der grimmebepreiste 16-Teiler »Das Dritte Reich«.

Das Fernsehen wechselte vom Konsensjournalismus der frühen Jahre in die Zeitkritik; 1961 ging »Panorama« regelmäßig auf Sendung, 1962 auch »Report«. Das »Sturmgeschütz der Demokratie« (Rudolf Augstein), der »Spiegel«, steigerte seine Auflage von 15.000 Exemplaren 1947 auf 437.000 im Jahr 1961. 1969 waren es bereits 953.000.

Wie so oft hatten Künstler, diesmal die Schriftsteller, das seismische Beben, das die

Seismographen der Jugendrevolte: Günter Grass (links) im Gespräch mit Heinrich Böll. Foto: dpa

Gesellschaft durchrütteln würde, kommen sehen. 1952, da schob ganz Deutschland voller Sehnsucht nach »roten Rosen, roten Lippen, rotem Wein« übers Tanzparkett, berichtete Heinrich Böll, er und seine Kollegen schrieben »von Trümmern«. Grass’ »Blechtrommel« von 1959 lässt sich – auch – als Warnung lesen, dass, wer das Erbe der Vergangenheit beschweige, ein (moralischer) Gnom bleibe.

Das Wissen um die zahllosen Vorläufer räumt zwangsläufig mit einer so beliebten wie falschen Vorstellung auf: Die inkriminierten 68er, die Nachkriegsjahrgänge der APO (Außerparlamentarische Opposition), formten mitnichten das Ensemble, das den »Sound des neuen Lebens« (Detlef Siegfried) intonierte.

Zwar fiedelten sie mit, am Dirigentenpult aber standen die »45er«, geboren in den Zwanzigern und Dreißigern und Motor der Transformation. Viele dieser Entscheidungsträger akzeptierten die Studenten als Juniorpartner im gesellschaftsverändernden Geiste. Rudolf Augstein, der später die Familie Dutschke mit monatlich 1000 D-Ma­rk unterstützte, ist nur ein Beispiel unter vielen.

Die alte Bundesrepublik hatte sich vermeintlich bleibender Werte versichert, um die als bedrohlich empfundenen Folgen der kulturellen Moderne einzuhegen. Gegen dieses Normsystem, das übrigens nicht aus der NS-Zeit stammte (hier irrten die 68er), sondern aus dem Kaiserreich, trat die APO-Jugend zum Kampf an – auch, aber eben nicht erst 1968.

Das »lange Jahrzehnt«

Historiker betten »1968« in jenes »lange Jahrzehnt« ein, das etwa 1958/59 begann und bis 1973/74, dauerte: von der Anti-Atomtod-Bewegung bis zum Schock der Ölkrise. Die Vorstellung, ein einzelnes Jahr und eine zahlenmäßig geradezu winzige Gruppe seien fähig gewesen, das konservative Behagen eines 78-Millionen-Volkes irgendwelchen sozialistischen Visionen zu opfern, ist so langlebig wie grotesk.

In diesem Sinne ist Marcuses Wort von der »Großen Weigerung« honigsüße Propaganda. Sirenengesang. Der hat schon die 68er zur Selbstüberschätzung verführt – und er verführt noch heute so manchen Bürger, Dutschke & Co. in ihrer historischen Wirkung gewaltig zu überschätzen.

Auch das waren die Sechziger

In den Sechzigern waren die Samstage normale Arbeitstage. Zwar stammt die Gewerkschaftsforderung »Samstags gehört Vati mir« schon von 1955, aber erst 1959 bekamen Bergarbeiter den freien Samstag. 1963 folgte die holzverarbeitende Industrie, 1967 die Metallindustrie. Die wöchentliche Arbeitszeit sank im Laufe der 60er Jahre von 48 auf 42 Stunden.

Haushalt war Frauensache. Paragraph 1356 BGB legte fest: »Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung. Sie ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.« Fand der Ehemann, sie vernachlässige ihre familiären Pflichten, konnte er die Stelle seiner Frau kündigen, ohne sie zu fragen.

Das heißt: Bis 1977 durfte die Frau nur mit Erlaubnis ihres Ehemanns arbeiten. Auch durfte sie ohne seine Zustimmung kein eigenes Bankkonto eröffnen (bis 1962). Und erst ab 1969 galten Frauen als geschäftsfähig.

Bis 1968 wurden – ohne gesetzliche Grundlage! – 300 Millionen Briefe aus der DDR und anderen sozialistischen Staaten unter höchster Geheimhaltung vernichtet. Grundlage war eine BGH-Entscheidung von 1952 (Fünf-Broschüren-Urteil), die geheim gehalten wurde.

Homosexualität war strafbar (mehr als 50.000 verurteilte Männer). Verfolgt werden konnte auch, wer ein Zimmer an einen Mann vermietete, wenn dieser nach 22 Uhr von einer Frau besucht wurde, die nicht seine Ehefrau war.

Serie »Die 68er«

Lesen Sie alle bisher erschienenen Artikel unserer Serie »Die 68er« auf einer Themenseite: www.westfalen-blatt.de/68er

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.